Das Land, das seine Frauen vom Fußballplatz verbannte
Afghanistan spielt weiter Fußball. Die Männer im Land, die Frauen im Exil. Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban erzählt kaum ein Sport mehr so eindringlich davon, was mit einem Land passiert, wenn die Hälfte seiner Bevölkerung nicht mehr mitspielen darf.

Am 15. August 2021 fiel Kabul.
Die Bilder gingen um die Welt: Menschen, die zum Flughafen drängten. Familien, die versuchten, noch einen Platz in einer Maschine zu bekommen. Soldaten auf dem Rollfeld. Menschen, die sich an Flugzeuge klammerten. Eine Stadt, die innerhalb weniger Stunden eine andere geworden war.
Die Taliban waren zurück an der Macht.
Fünf Jahre später wird in Afghanistan gefeiert. Die Taliban begehen den Jahrestag ihrer Machtübernahme mit einer Siegesfeier. Gleichzeitig warnen die Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen vor der humanitären Lage und den immer weiter eingeschränkten Rechten von Frauen und Mädchen.
Und irgendwo zwischen all diesen großen politischen Fragen liegt ein Fußballplatz.
Oder besser gesagt: mehrere Fußballplätze.
Denn Fußball ist in Afghanistan nicht verschwunden.
Die Männer spielen weiterhin.
Es gibt Vereine, eine nationale Liga, Nachwuchswettbewerbe und eine Nationalmannschaft. Afghanistan ist weiterhin Mitglied der FIFA und des asiatischen Fußballverbandes AFC. Die Afghanistan Champions League wird ausgetragen, zwölf Mannschaften kämpfen um den Titel.
Der Ball rollt.
Nur nicht für alle.
Der Bub darf spielen
Ein afghanischer Bub kann heute weiterhin Fußballer werden.
Er kann mit Freunden auf einem staubigen Platz kicken. Er kann in einem Verein spielen. Er kann davon träumen, eines Tages das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen.
Ein Mädchen, das denselben Traum hat, steht vor einer anderen Wirklichkeit.
Vor 2021 gab es auch für sie eine Nationalmannschaft.
Afghanische Frauen spielten Fußball. Sie trainierten. Sie reisten zu Spielen. Sie trugen Trikots mit dem Namen ihres Landes auf der Brust.
Dann kamen die Taliban.
Viele Spielerinnen mussten fliehen.
Eine von ihnen war Elaha Safdari. Die damals 17-jährige Torhüterin löschte ihre Social-Media-Accounts und verbrannte ihre Fußballausrüstung, weil sie Angst hatte, dass die Taliban herausfinden könnten, dass sie Fußball spielte.
Ein Fußballschuh, der für die meisten Menschen einfach ein Fußballschuh ist, konnte plötzlich gefährlich werden.
Also wurde er verbrannt.
Die Spielerinnen verschwanden. Die Mannschaft nicht.
Die Fußballerinnen verteilten sich über die Welt.
Australien wurde für viele zum neuen Zuhause. Andere kamen nach Europa, Großbritannien und in andere Länder.
Sie hatten Afghanistan verlassen.
Aber sie hatten ihre Mannschaft nicht vergessen.
Das war komplizierter.
Denn eine Nationalmannschaft braucht normalerweise ein Land.
Sie braucht einen Verband. Einen Spielort. Trainingsplätze. Reisen. Gegner. Ein Stadion, in dem die eigene Hymne gespielt wird.
Die Spielerinnen hatten plötzlich fast alles davon verloren.
Nur eines hatten sie noch:
das Trikot.
Und den Wunsch, es wieder tragen zu können.
Afghanistan liegt plötzlich tausende Kilometer entfernt
Im Fußball ist Nationalität normalerweise etwas ziemlich Einfaches.
Du bist Argentinier, also spielst du für Argentinien.
Du bist Japaner, also spielst du für Japan.
Du bist Österreicher, also spielst du für Österreich.
Aber was passiert mit einer Fußballerin, die Afghanin ist und Afghanistan verlassen musste, weil sie dort nicht mehr Fußball spielen darf?
Ist sie noch Nationalspielerin?
Und wenn ja: Wo spielt diese Nationalmannschaft?
Die Antwort begann irgendwann ziemlich weit weg von Kabul zu entstehen.
In Australien.
In Flüchtlingsunterkünften.
Auf Trainingsplätzen.
In Gesprächen zwischen Spielerinnen, Unterstützern und Fußballfunktionären.
2025 beschloss FIFA eine Strategie für den afghanischen Frauenfußball und unterstützte die Einrichtung eines afghanischen Frauen-Flüchtlingsteams.
Es bekam einen Namen, der fast wie eine Antwort auf die vergangenen Jahre klingt:
Afghan Women United.
Afghanische Frauen vereint.
Nicht in Afghanistan.
Ein Team ohne Heimat
2026 wurde aus der Idee schließlich Realität.
FIFA änderte im Frühjahr die Regeln und ermöglichte es den im Exil lebenden afghanischen Spielerinnen, wieder offizielle internationale Spiele unter dem Namen Afghanistan zu bestreiten.
Im Mai und Juni trat Afghan Women United in Neuseeland gegen die Cook Islands an.
Zweimal verloren die Afghaninnen.
0:1.
0:3.
Sportlich war das kein Märchen.
Keine sensationelle Rückkehr.
Kein Hollywood-Moment.
Aber vielleicht musste es das auch nicht sein.
Denn auf dem Platz standen Frauen, die vor wenigen Jahren ihre Fußballschuhe verbrannt hatten.
Jetzt trugen sie wieder ein Trikot.
Darauf stand:
Afghanistan.
Und währenddessen läuft zu Hause die Liga
Es wäre zu einfach, diese Geschichte als Fußball gegen die Taliban zu erzählen.
Denn so funktioniert Afghanistan nicht.
Der Männerfußball ist weiterhin da.
Die Afghanistan Champions League wird gespielt. Vereine aus unterschiedlichen Regionen treten gegeneinander an. Die Nationalmannschaft bestreitet internationale Spiele.
2026 qualifizierte sich Afghanistan außerdem für ein FIFA-Nachwuchsprojekt im U15-Bereich.
In den Nachrichten aus Afghanistan tauchen also weiterhin Fußballer auf.
Männer.
Jungen.
Vereine.
Stadien.
Tore.
Nur die Frauen fehlen.
Und genau deshalb wirkt der Blick auf den Fußball manchmal fast härter als jede politische Statistik.
Denn man muss nicht über Gesetze sprechen.
Man muss nur zwei Kinder nebeneinander stellen.
Beide sehen einen Fußball.
Der Bub darf ihn nehmen.
Das Mädchen nicht.
Ein Nationalteam kann auch im Exil spielen
Das ist das Ungewöhnliche an Afghan Women United.
Diese Mannschaft repräsentiert ein Land, in dem ihre Spielerinnen nicht spielen dürfen.
Sie trainieren in anderen Ländern.
Sie leben in anderen Ländern.
Sie arbeiten teilweise in anderen Berufen.
Ihre Familien leben teilweise noch in Afghanistan.
Und trotzdem laufen sie mit dem afghanischen Wappen auf.
Das macht aus einer Fußballmannschaft plötzlich etwas, das weit über Fußball hinausgeht.
Denn wer repräsentiert Afghanistan?
Die Regierung in Kabul?
Der Fußballverband?
Die Männer-Nationalmannschaft?
Oder auch jene Frauen, die Afghanistan verlassen mussten, weil sie dort nicht mehr Fußball spielen durften?
Eine FIFA-Entscheidung kann die Frage des Spielrechts klären.
Die eigentliche Frage ist schwieriger.
Ein Trikot kann plötzlich eine Heimat sein
Für die meisten Nationalspieler ist ein Trikot irgendwann Teil des Berufs.
Man bekommt es.
Man zieht es an.
Man gibt es nach dem Spiel vielleicht an einen Fan weiter.
Für die afghanischen Spielerinnen ist es etwas anderes geworden.
Es erinnert an das Leben vor 2021.
An Training.
An Mannschaftskabinen.
An Freundinnen.
An Spiele.
An eine Zukunft, die einmal selbstverständlich schien.
Und an eine Heimat, die plötzlich weit weg war.
Vielleicht deshalb wirkt ein Foto dieser Mannschaft so ungewöhnlich.
Keine Spielerin muss darauf etwas erklären.
Sie steht einfach da.
Afghanistan auf der Brust.
Der Fußballplatz als letzter gemeinsamer Ort
Sport kann keine Regierung stürzen.
Ein Tor öffnet keine Grenze.
Ein gewonnenes Spiel bringt keine Mädchen zurück in die Schule.
Und ein Fußballverband kann keine politische Ordnung verändern.
Aber Sport kann etwas bewahren, das Politik manchmal zerstört:
Zugehörigkeit.
Die afghanischen Spielerinnen leben heute an unterschiedlichen Orten. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Manche haben ein neues Zuhause gefunden. Manche wissen nicht, ob sie jemals wieder nach Afghanistan zurückkehren können.
Aber wenn sie gemeinsam auf dem Platz stehen, gibt es für 90 Minuten wieder einen Ort, an dem sie alle dasselbe sind.
Afghaninnen.
Fußballerinnen.
Eine Mannschaft.
Auch der Männerfußball erzählt eine andere Geschichte
Der afghanische Fußball ist dabei nicht frei von den Problemen, die ein Land im politischen Ausnahmezustand begleiten.
2025 sorgte etwa der Fall von Attack Energy FC für Aufsehen. Der Klub löste sich nach einem umstrittenen 8:0-Sieg in der Afghanistan Champions League auf und erhob den Verdacht auf Spielmanipulation. Der afghanische Verband wies die Vorwürfe zurück.
Auch das gehört zur Geschichte.
Macht.
Geld.
Verbände.
Misstrauen.
Sportpolitik.
Fußball ist auch in Afghanistan kein abgeschottetes Paradies.
Aber vielleicht ist gerade das interessant.
Der Fußball ist nicht einfach verschwunden, als die Taliban zurückkamen.
Er hat sich verändert.
Für Männer blieb ein Platz.
Für Frauen wurde daraus ein Fluchtgrund.
Die Nationalmannschaft, die es eigentlich gar nicht geben dürfte
Vielleicht liegt genau darin die Besonderheit dieser Mannschaft.
Afghan Women United spielt nicht gegen Afghanistan.
Sie spielt für Afghanistan.
Und das macht einen gewaltigen Unterschied.
Die Spielerinnen wollen nicht beweisen, dass sie besser sind als die Taliban.
Sie wollen Fußball spielen.
Sie wollen ein Nationalteam haben.
Sie wollen das Recht zurück, etwas zu tun, das für Fußballerinnen in fast jedem anderen Land der Welt selbstverständlich ist.
Trainieren.
Spielen.
Verlieren.
Gewinnen.
Wieder trainieren.
Vielleicht klingt gerade das so radikal.
Irgendwo schaut ein Mädchen zu
Man weiß nicht, wie viele Mädchen in Afghanistan die Spiele dieser Mannschaft sehen.
Vielleicht sind es wenige.
Vielleicht heimlich.
Vielleicht gar keine.
Aber irgendwo könnte ein Mädchen einen Bildschirm sehen und eine Frau mit einem Fußball auf dem Rasen beobachten.
Eine Frau, die genauso aussieht wie sie.
Eine Frau mit einem afghanischen Trikot.
Eine Frau, die vor tausenden Kilometern nicht verschwunden ist.
Vielleicht weiß dieses Mädchen nichts über FIFA-Regeln.
Vielleicht interessiert sie sich nicht für die AFC.
Vielleicht kennt sie die Ergebnisse gegen die Cook Islands nicht.
Vielleicht weiß sie nur:
Da läuft eine afghanische Frau mit einem Fußball.
Und vielleicht reicht das
Die Taliban können Fußballplätze schließen.
Sie können Frauen aus Stadien verbannen.
Sie können Mädchen den Zugang zu Sport nehmen.
Sie können bestimmen, wer in Afghanistan Fußball spielen darf.
Aber sie können nicht verhindern, dass afghanische Frauen anderswo einen Ball aufpumpen.
Dass sie trainieren.
Dass sie ein Trikot anziehen.
Dass sie auf einen Platz laufen.
Dass sie dort stehen und sagen:
Wir sind Afghanistan.
Vielleicht ist das gar keine politische Botschaft.
Vielleicht ist es für diese Spielerinnen einfach die Wahrheit.
Und dann beginnt das Spiel.
Elf Frauen stehen auf dem Platz.
Die Hymne läuft.
Der Ball liegt auf dem Mittelpunkt.
Afghanistan spielt.
Nicht in Kabul.
Nicht in Herat.
Nicht in Kandahar.
Sondern tausende Kilometer entfernt von zu Hause.
Und vielleicht ist genau das derzeit die seltsamste, traurigste und zugleich schönste Fußballgeschichte dieses Landes:
Afghanistan hat seine Frauen vom Fußballplatz vertrieben.
Aber nicht aus der Nationalmannschaft.
Und schon gar nicht deren Identität.



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