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Der Moment, in dem der Applaus nicht mehr reicht

mandl-martin
12. Sept.
11 Min. Lesezeit

Fußball ist ein Spiel, in dem Menschen lernen, stark zu sein. Vielleicht müssen wir ihnen endlich auch beibringen, dass sie nicht immer stark sein müssen.

Der Applaus kann sich zu einem Fluch entwickeln - Foto: A Friend - Unsplash
Der Applaus kann sich zu einem Fluch entwickeln - Foto: A Friend - Unsplash

Am 10. September hat der Yellow September begonnen.

In Österreich steht der Monat heuer unter dem Motto „Gemeinsam geht mehr!“. Es geht um psychische Gesundheit, um Einsamkeit, um soziale Verbundenheit. Und um die Erkenntnis, dass Menschen nicht erst dann Hilfe brauchen, wenn gar nichts mehr geht.

Vielleicht ist Fußball dafür einer der schwierigsten und gleichzeitig wichtigsten Orte.

Denn kaum ein anderer Sport erzählt so viel von Stärke.

Von Männern, die Schmerzen wegspielen.

Von Spielern, die nach Verletzungen zurückkommen.

Von Trainern, die unter Druck Entscheidungen treffen.

Von Torhütern, die nach einem Fehler trotzdem wieder aufstehen.

Von 90 Minuten, in denen Schwäche möglichst unsichtbar bleiben soll.

Aber hinter jeder Nummer auf dem Trikot steckt ein Mensch.

Und manchmal reicht der Applaus nicht.


ROBERT ENKE

Am 10. November 2009 starb Robert Enke durch Suizid.

Er war deutscher Nationaltorhüter. Ein erfolgreicher Fußballer. Ein Mann, der in Stadien von Tausenden Menschen gefeiert worden war.

Und er litt an Depression.

Enkes Geschichte hat den deutschen Fußball verändert. Nach seinem Tod wurde die Robert-Enke-Stiftung gegründet. Sie informiert über Depressionen, unterstützt Forschung und versucht, psychische Erkrankungen im Sport aus der Tabuzone zu holen.

Aber es ist wichtig, Enkes Geschichte nicht auf eine einfache Erzählung zu reduzieren.

Depression entsteht nicht einfach deshalb, weil ein Fußballer zu viel Druck hat.

Suizid hat keine einzelne Ursache.

Psychische Erkrankungen sind komplex. Biologische, psychologische und soziale Faktoren können zusammenspielen. Und gerade deshalb ist es gefährlich, aus einem einzelnen Schicksal eine einfache Erklärung zu machen.

Was Robert Enkes Geschichte aber bis heute zeigt, ist etwas anderes:

Auch Menschen, die nach außen alles haben, können innerlich schwer krank sein.


FUSSBALL MACHT DICH NICHT AUTOMATISCH KRANK

Das bedeutet nicht, dass Fußball grundsätzlich krank macht.

Im Gegenteil.

Sport kann psychisch guttun. Bewegung, Gemeinschaft, Struktur, Zugehörigkeit und Erfolg können Schutzfaktoren sein.

Aber Leistungssport bringt besondere Belastungen mit sich.

Eine systematische Übersichtsarbeit im British Journal of Sports Medicine kam zu dem Ergebnis, dass bei aktiven Spitzensportlern je nach untersuchtem Bereich beträchtliche Raten psychischer Symptome auftreten – bei Angst und Depression wurden bis zu etwa 34 Prozent berichtet. Auch bei ehemaligen Spitzensportlern wurden relevante Belastungen gefunden.

Solche Zahlen müssen vorsichtig interpretiert werden. Die Studien sind unterschiedlich, und direkte Vergleiche mit der Allgemeinbevölkerung sind schwierig.

Aber sie zeigen:

Psychische Probleme sind im Spitzensport kein Randphänomen.

Und trotzdem wird darüber oft noch immer weniger gesprochen als über einen Muskelfaserriss.


EINE MANNSCHAFT IST NICHT AUTOMATISCH GEMEINSCHAFT

Das ist vielleicht einer der größten Irrtümer im Fußball.

Ein Spieler ist nie allein.

Da sind 24 andere Spieler. Trainer. Physiotherapeuten. Ärzte. Betreuer. Zeugwarte. Funktionäre.

Und trotzdem kann ein Mensch mitten in einer Mannschaft einsam sein.

FIFPRO beschäftigt sich seit Jahren mit der psychischen Gesundheit von Profifußballern. Untersuchungen zeigen, dass mehr als ein Drittel der aktiven Profifußballer über Symptome wie Angst, Depression, Schlafprobleme oder psychische Belastung berichtet hat.

Eine ältere FIFPRO-Untersuchung zeichnete ebenfalls ein alarmierendes Bild: Rund 38 Prozent der befragten aktiven Spieler berichteten von depressiven Symptomen. 95 Prozent sagten, psychische Probleme könnten sich negativ auf die Leistung auswirken. 65 Prozent gaben an, dass die eigene Karriere davon betroffen gewesen sei.

Das sind keine Beweise dafür, dass Fußball automatisch krank macht.

Aber sie sind ein Beweis dafür, dass wir aufhören sollten, so zu tun, als wäre psychische Gesundheit im Fußball kein Thema.


NEUN VON 25

Stell dir eine Kabine mit 25 Spielern vor.

Und stell dir vor, neun von ihnen würden irgendwann sagen:

„Mir geht es psychisch nicht gut.“

Nicht zwingend gleichzeitig. Nicht zwingend so, dass es jeder bemerkt.

Vielleicht trainieren sie trotzdem.

Vielleicht spielen sie am Wochenende.

Vielleicht lachen sie in der Kabine.

Vielleicht posten sie danach ein Foto vom Sieg.

Vielleicht sagt niemand etwas.

Genau das macht psychische Erkrankungen so schwer erkennbar.

Ein gebrochener Fuß ist sichtbar.

Eine Depression nicht.


DAS TOR, DAS NICHT ALLES HEILEN KONNTE

2009 schoss Andrés Iniesta im Halbfinale der Champions League gegen Chelsea eines der berühmtesten Tore der Fußballgeschichte.

Nachspielzeit.

London.

Barcelona braucht ein Tor.

Iniesta trifft.

Der Jubel explodiert.

Ein Moment, der für immer mit Glück, Ekstase und Triumph verbunden sein wird.

Aber Iniesta hat später auch über seine eigene psychische Krise und eine Depression gesprochen.

Die Robert-Enke-Stiftung verwendet seine Geschichte in ihrer Präventionsarbeit.

Und genau deshalb ist Iniesta so wichtig.

Nicht, weil ein Weltstar psychische Probleme hatte.

Sondern wegen des Widerspruchs.

Ein Mensch kann vor Millionen Menschen das wichtigste Tor seiner Karriere schießen – und sich trotzdem innerlich schlecht fühlen.

Erfolg ist kein Schutzschild.

Geld ist kein Schutzschild.

Ruhm ist kein Schutzschild.

Und auch ein volles Stadion ist kein Schutzschild gegen Einsamkeit.

Man kann gewinnen und sich trotzdem verlieren.


DER VERLETZTE SPIELER

Im Fußball weiß jeder, was nach einem Kreuzbandriss passiert.

Untersuchung.

Operation.

Rehabilitation.

Physiotherapie.

Muskelaufbau.

Comeback.

Niemand würde ernsthaft zu einem Spieler sagen:

„Jetzt reiß dich halt zusammen.“

Bei psychischen Problemen klingt das manchmal noch immer anders.

Dabei zeigen Untersuchungen von FIFPRO, dass schwere Verletzungen das Risiko für psychische Symptome deutlich erhöhen können. Je nach untersuchtem Problem und Zeitpunkt wurde ein zwei- bis siebenfach erhöhtes Risiko beschrieben.

Das ist logisch.

Eine Verletzung nimmt einem Fußballer nicht nur Bewegung.

Sie nimmt ihm oft seinen Beruf.

Seine Routine.

Seinen Platz in der Mannschaft.

Seine kurzfristigen Ziele.

Manchmal auch einen Teil seiner Identität.

Und plötzlich sitzt er daneben.

Während die anderen trainieren.


DER KOPF IST KEIN MUSKEL

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse des Leistungssports.

Ein Fußballer lernt früh:

Schmerz gehört dazu.

Niederlagen gehören dazu.

Kritik gehört dazu.

Druck gehört dazu.

Aber Depression ist kein fehlendes Durchhaltevermögen.

Eine Angststörung ist keine Charakterschwäche.

Erschöpfung ist nicht automatisch mangelnde Professionalität.

Und Hilfe zu suchen ist kein Zeichen dafür, dass jemand nicht belastbar ist.

Der Kopf ist kein Muskel, den man einfach härter trainieren kann.

Manchmal braucht er Unterstützung.

Und manchmal professionelle Hilfe.


MARTIN HINTEREGGER

Auch in Österreich haben Fußballer begonnen, darüber zu sprechen.

Martin Hinteregger machte 2021 öffentlich, dass er an Depressionen gelitten hatte.

Er sprach darüber, wie wichtig Gespräche mit einem Psychologen für ihn gewesen seien.

Und er formulierte einen Gedanken, der über seine eigene Karriere hinausging: Gerade junge Fußballer sollten wissen, dass es keine Schwäche ist, sich Hilfe zu holen.

Das ist wichtig.

Denn junge Spieler lernen im Fußball nicht nur Passspiel und Zweikampf.

Sie lernen auch, was ein „richtiger Mann“ angeblich aushalten muss.

Und manchmal lernen sie dabei das Falsche.


MARKO ARNAUTOVIC

2026 sprach auch Marko Arnautovic über eine psychisch schwierige Phase.

Während seiner Zeit in China, verbunden mit der Corona-Pandemie und Quarantäne, sei er in eine Depression geraten.

Er beschrieb diese Zeit als Horror.

Es ist ein bemerkenswertes Beispiel, weil Arnautovic über Jahrzehnte als einer der selbstbewusstesten, lautesten und emotionalsten Spieler des österreichischen Fußballs wahrgenommen wurde.

Aber auch hinter einer starken Persönlichkeit kann sich eine Krise verbergen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse:

Wir sollten Menschen nicht danach beurteilen, wie stark sie aussehen.


DIE AKADEMIE

Auch bei jungen Spielern beginnt langsam ein Umdenken.

In der Fußballakademie Burgenland wird mentales Training zunehmend als normaler Bestandteil der Ausbildung gesehen.

Junge Spieler sprechen dort über Leistungsdruck.

Über den Wunsch, Profi zu werden.

Über Erwartungen.

Und auch über den Druck, den sie sich selbst machen.

Das ist wichtig.

Denn Prävention beginnt nicht erst bei der Krise.

Sie beginnt dort, wo junge Menschen lernen, dass über Angst gesprochen werden darf.

Dass ein schlechter Tag kein persönliches Versagen ist.

Und dass ein Fußballer mehr ist als seine Leistung.


DAS PROBLEM MIT DEM STARKEN MANN

Der Fußball hat ein Männerbild geschaffen, das bis heute nachwirkt.

Hart sein.

Weiter machen.

Keine Angst zeigen.

Keine Schwäche zeigen.

Nicht jammern.

Nicht ausfallen.

Nicht zweifeln.

Und schon gar nicht darüber sprechen.

Aber:

Immer stark sein zu müssen, ist keine Stärke.

Manchmal ist es sogar das Gegenteil.

Denn wer gelernt hat, alles mit sich selbst auszumachen, wartet möglicherweise sehr lange, bevor er jemandem sagt, dass es nicht mehr geht.


GARY SPEED

Gary Speed war Nationalspieler von Wales, später Nationaltrainer.

2011 starb auch er durch Suizid.

Seine Geschichte gehört ebenfalls zur Geschichte des Fußballs.

Aber auch hier gilt:

Wir sollten nicht versuchen, aus seinem Tod eine einfache Ursache abzuleiten.

Nicht jeder Mensch, der psychisch erkrankt, steht unter demselben Druck.

Nicht jeder Mensch in einer Krise hat dieselben Gründe.

Und kein Suizid lässt sich auf einen einzigen Moment oder eine einzige Erklärung reduzieren.

Was wir daraus lernen können, ist etwas anderes:

Wir müssen genauer hinschauen.


DAS STADION IST LAUT

Fußball ist ein permanentes Bewertungssystem.

Passquote.

Laufleistung.

Zweikampfquote.

Expected Goals.

Marktwert.

Vertrag.

Gehalt.

Follower.

Likes.

Fehler.

Kritik.

Jede Woche eine neue Tabelle.

Jede Woche ein neues Urteil.

Und heute endet die Bewertung nicht mehr mit dem Schlusspfiff.

Sie geht auf Social Media weiter.

Robin Gosens hat darüber gesprochen, wie toxisch der Umgang im Internet werden kann und welche psychische Belastung daraus entstehen kann.

Ein Spieler kann nach einem schlechten Spiel nach Hause gehen und trotzdem noch Stunden später lesen, was Tausende Menschen von ihm halten.

Alles lässt sich messen.

Nur eines nicht:

Wie es einem Menschen gerade wirklich geht.


„ICH BIN NICHT GUT GENUG“

Depression verändert nicht nur die Stimmung.

Sie kann verändern, wie ein Mensch die Welt betrachtet.

Gedanken können sich verengen.

Aus einem schlechten Spiel wird:

„Ich bin schlecht.“

Aus Kritik wird:

„Alle hassen mich.“

Aus einem Fehler wird:

„Ich kann gar nichts.“

Aus einer Krise wird:

„Das wird nie wieder besser.“

Das Gefährliche daran ist:

Solche Gedanken fühlen sich nicht wie Gedanken an.

Sie fühlen sich wie Tatsachen an.

Deshalb reicht manchmal auch ein gut gemeintes:

„Denk positiv.“

nicht.

Es braucht Verständnis.

Und manchmal professionelle Unterstützung.


FUSSBALLER SIND KEINE MASCHINEN

Ein Profifußballer ist gleichzeitig Athlet, Arbeitnehmer, Marke, Investition und öffentliche Figur.

Aber zuerst ist er Mensch.

Er kann Angst haben.

Er kann traurig sein.

Er kann erschöpft sein.

Er kann sich einsam fühlen.

Er kann eine Depression entwickeln.

Und er kann Hilfe brauchen.

Das gilt übrigens genauso für Trainer.

Für Schiedsrichter.

Für Nachwuchsspieler.

Für Funktionäre.

Für Fans.

Für Eltern.

Für Menschen, die niemals in einem Profistadion spielen werden.


NACH DER KARRIERE

Eine besonders unterschätzte Phase beginnt oft dann, wenn der Fußball aufhört.

Jahrelang klingelt der Wecker zum Training.

Dann gibt es plötzlich keinen Trainingsplan mehr.

Keine Kabine.

Keinen Spieltag.

Keinen Trainer, der etwas verlangt.

Keine Mannschaft, die jeden Tag auf dich wartet.

Für manche ist das eine Befreiung.

Für andere entsteht ein Loch.

Denn Fußball war nicht nur ein Beruf.

Er war Identität.

Freundeskreis.

Struktur.

Lebensinhalt.

Auch ehemalige Spitzensportler können psychische Probleme entwickeln.

Vielleicht sogar gerade dann, wenn plötzlich niemand mehr fragt:

„Wie geht es dir mit dem nächsten Spiel?“


PRÄVENTION IST NICHT NUR EIN PLAKAT

Am 10. September 2026 wurde in Großbritannien mit „On Your Side“ eine neue Initiative zur Suizidprävention im Sport vorgestellt.

Unterstützt wird sie unter anderem von prominenten Sportpersönlichkeiten wie Harry Kane und Alan Shearer.

Die Idee ist bemerkenswert einfach:

Menschen im Sport sollen lernen, Warnsignale zu erkennen.

Gespräche zu beginnen.

Zuzuhören.

Und Menschen bei Bedarf zu professioneller Hilfe weiterzuvermitteln.

Nicht jeder Trainer muss Psychologe sein.

Nicht jeder Mitspieler muss eine Krise lösen können.

Aber jeder kann lernen, hinzuschauen.


„WIE GEHT ES DIR WIRKLICH?“

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, immer nur zu fragen:

„Alles gut?“

Denn darauf gibt es eine automatische Antwort.

„Ja.“

Vielleicht ist die bessere Frage:

„Wie geht es dir wirklich?“

Und dann nicht sofort weitergehen.

Sondern warten.

Zuhören.

Noch einmal fragen.

Und akzeptieren, dass die Antwort unangenehm sein kann.


DAS IST AUCH FUSSBALL

Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung davon erweitern, was eine Mannschaft ist.

Eine Mannschaft besteht nicht nur aus elf Spielern.

Sie besteht aus Menschen.

Aus dem Spieler neben dir.

Dem Physiotherapeuten.

Dem Zeugwart.

Dem Trainer.

Der Freundin.

Dem Freund.

Den Eltern.

Den Fans.

Den Menschen, die merken, wenn jemand plötzlich anders ist.

Natürlich ersetzt Gemeinschaft keine Therapie.

Ein Freund kann keine Depression behandeln.

Ein Mitspieler kann keine Suizidprävention alleine leisten.

Aber soziale Verbindung kann einen entscheidenden Unterschied machen.

Niemand sollte eine schwere Zeit völlig alleine durchstehen müssen.


WAS SICH SEIT ROBERT ENKE VERÄNDERT HAT

Es hat sich etwas verändert.

Über Depression im Fußball wird gesprochen.

Spieler sprechen öffentlich über ihre psychische Gesundheit.

Vereine beschäftigen Psychologen.

FIFPRO untersucht mentale Belastungen.

Die Robert-Enke-Stiftung leistet Aufklärungsarbeit.

Initiativen wie „On Your Side“ versuchen, Prävention im Sport zu verankern.

Und trotzdem ist der Fußball noch immer eine Welt der Angst.

Angst vor Fehlern.

Angst vor Verletzungen.

Angst vor dem Trainer.

Angst vor dem nächsten Vertrag.

Angst vor dem Abstieg.

Angst vor den Fans.

Angst vor Social Media.

Und manchmal:

Angst davor, als schwach zu gelten.


WIR MÜSSEN DEN FUSSBALL NICHT LEISER MACHEN

Es geht nicht darum, Fußball plötzlich weichzuspülen.

Derbys dürfen emotional sein.

Niederlagen dürfen wehtun.

Fans dürfen kritisieren.

Spieler müssen Leistung bringen.

Profifußball ist Wettbewerb.

Und Wettbewerb erzeugt Druck.

Das ist nicht automatisch schlecht.

Aber es gibt eine Grenze.

Ein Fußballspiel darf niemals wichtiger sein als der Mensch, der es spielt.

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DER WICHTIGSTE SATZ

Wenn ein Spieler einen Kreuzbandriss hat, würde niemand sagen:

„Stell dich nicht so an.“

Wir akzeptieren sofort:

Dieser Mensch braucht Behandlung.

Dieser Mensch braucht Zeit.

Dieser Mensch braucht Unterstützung.

Warum sollte es bei einer Depression anders sein?

Warum sollte Angst weniger real sein, nur weil man sie nicht auf einem Röntgenbild sieht?

Warum sollte psychische Gesundheit weniger wichtig sein als ein verletztes Knie?


UND VIELLEICHT BEGINNT VERÄNDERUNG MIT EINEM SATZ

Vielleicht braucht es manchmal keinen großen Vortrag.

Keine Kampagne.

Keine perfekte Formulierung.

Vielleicht reicht:

„Ich sehe, dass es dir gerade nicht gut geht.“

Und dann:

„Du musst mir nichts vorspielen.“

Und:

„Ich bleibe da.“

Das ist keine Therapie.

Aber es kann der Anfang davon sein, dass jemand überhaupt darüber spricht.


DIE WICHTIGSTE AUSWÄRTSFAHRT

Fußballfans kennen das Prinzip der Auswärtsfahrt.

Man fährt irgendwohin, wo man noch nie war.

Man kennt den Weg nicht genau.

Vielleicht ist das Wetter schlecht.

Vielleicht läuft das Spiel nicht.

Vielleicht kommt man erst spät in der Nacht zurück.

Aber normalerweise fährt man nicht alleine.

Man trifft sich am Bahnhof.

Steigt gemeinsam in den Zug.

Man wartet aufeinander.

Und wenn einer zurückbleibt, geht irgendwann jemand zurück.

Vielleicht müsste genau das auch für psychische Krisen gelten.

Nicht jede Krise können wir verhindern.

Nicht jede Krankheit können wir wegreden.

Nicht jeden Menschen können wir retten.

Aber wir können dafür sorgen, dass niemand glauben muss, er müsse den Weg alleine gehen.


DENN VIELLEICHT SITZT ER SCHON NEBEN UNS

Vielleicht sitzt er morgen wieder in der Kabine.

Vielleicht steht er auf der Tribüne.

Vielleicht fährt er mit uns im Zug.

Vielleicht arbeitet er neben uns.

Vielleicht sitzt er zu Hause und hat seit Tagen niemandem erzählt, wie es ihm wirklich geht.

Vielleicht sieht er auf Instagram gerade das nächste Fußballfoto.

Das nächste Tor.

Den nächsten Sieg.

Und denkt sich:

„Warum schaffen es eigentlich alle – nur ich nicht?“

Dann sollten wir ihm sagen:

Du musst nicht immer stark sein.

Du musst nicht alleine durchhalten.

Und dein Wert hängt niemals davon ab, wie du heute gespielt hast.


WIR MÜSSEN ÜBER SUIZID SPRECHEN – ABER RICHTIG

Auch deshalb ist die Sprache wichtig.

Über Suizid zu sprechen, kann Leben retten.

Aber Berichterstattung kann auch schaden, wenn sie romantisiert, vereinfacht oder unnötig Details beschreibt.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb eine verantwortungsvolle Berichterstattung: keine unnötigen Angaben zu Methoden oder Orten, keine romantisierende Darstellung, keine Reduktion auf eine einzige Ursache – dafür Hinweise auf Hilfe und Hoffnung.

Auch in Österreich setzt sich der Papageno-Medienpreis für verantwortungsvolle Suizidberichterstattung ein.

Das ist keine Zensur.

Es ist Verantwortung.

Denn Worte können etwas auslösen.

Sie können eine Krise verschärfen.

Oder sie können jemandem zeigen:

Du bist nicht alleine.

In Österreich sterben jährlich rund 1.200 Menschen durch Suizid.

Hinter jeder Zahl steht ein Mensch.

Und Menschen, die ihn vermissen.


HILFE IST KEIN SCHEITERN

Wenn jemand selbst in einer Krise steckt oder sich Sorgen um einen Menschen macht, gibt es Hilfe.

In Österreich ist die TelefonSeelsorge unter 142 rund um die Uhr kostenlos und vertraulich erreichbar.

Bei akuter Gefahr: 144 oder 112.

Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu holen.

Es ist ein Zeichen dafür, dass das eigene Leben wichtig ist.


DER MOMENT, IN DEM DER APPLAUS NICHT MEHR REICHT

Fußball erzählt ständig von Menschen, die über sich hinauswachsen.

Von Comebacks.

Von großen Spielen.

Von Spielern, die trotz Schmerzen weitermachen.

Vielleicht sollten wir genauso oft über jene sprechen, die gerade versuchen, einfach nur durch den nächsten Tag zu kommen.

Denn nicht jeder Kampf findet auf dem Rasen statt.

Nicht jeder Sieg steht auf der Anzeigetafel.

Und manchmal bekommt niemand mit, dass jemand gerade etwas Unglaubliches geschafft hat:

aufzustehen.

Zur Arbeit zu gehen.

Zum Training zu fahren.

Jemandem zu sagen:

„Mir geht es nicht gut.“

Oder einfach den nächsten Tag zu erreichen.

Vielleicht ist das manchmal der wichtigste Sieg.

Der, von dem niemand im Stadion etwas mitbekommt.


ZWISCHEN DEN LINIEN

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte hinter Yellow September.

Dass wir Menschen nicht nur dann sehen, wenn sie funktionieren.

Nicht nur dann, wenn sie Tore schießen.

Nicht nur dann, wenn sie gewinnen.

Nicht nur dann, wenn sie stark sind.

Sondern auch dann, wenn sie zweifeln.

Wenn sie schweigen.

Wenn sie sich zurückziehen.

Wenn sie gerade nicht wissen, wie es weitergeht.

Denn eine Mannschaft ist nicht deshalb stark, weil niemand Schwäche zeigt.

Eine Mannschaft ist stark, wenn Menschen aufeinander achten.

Wenn einer fällt und jemand zurückkommt.

Wenn einer schweigt und jemand fragt.

Wenn einer sagt:

„Ich kann gerade nicht.“

und die Antwort nicht lautet:

„Reiß dich zusammen.“

Sondern:

„Dann gehen wir ein Stück gemeinsam.“

Denn vielleicht ist das die wichtigste Form von Mannschaft.

Und vielleicht beginnt der wichtigste Sieg manchmal nicht mit einem Tor.

Sondern damit, dass jemand bleibt.

 
 
 

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