Wenn ein Tor nicht mit dem Tor endet
Saied Abu Farchi erzielt gegen Österreich ein Tor, zieht die Eckfahne aus dem Boden und wird wenige Sekunden später vom Platz gestellt. Seine Geste wird als Billardstoß, als Gewehrschuss und als Provokation gelesen. Doch der Fall ist nur das jüngste Kapitel einer langen Geschichte. Denn kaum ein Moment des Fußballs ist persönlicher – und politischer – als die Sekunden nach einem Tor. Über Robbie Fowlers Kokain-Linie, Gascoignes Zahnarztstuhl, Adebayors 80-Meter-Sprint, den albanischen Doppeladler und die Frage, warum der Fußball seinen Spielern beim Jubeln immer wieder Grenzen setzt.

Es gibt im Fußball einen Moment, in dem plötzlich fast alles erlaubt scheint.
Der Ball ist im Tor. Das Spiel ist für ein paar Sekunden unterbrochen. Taktische Ordnung löst sich auf. Verteidiger stehen herum, Torhüter schlagen die Hände vors Gesicht, Ersatzspieler springen von der Bank.
Und der Torschütze?
Der darf sich verwandeln.
Er darf Tänzer sein. Schauspieler. Provokateur. Botschafter. Komiker. Rächer.
Er kann in Richtung Tribüne laufen, sein Trikot ausziehen, auf die Knie fallen, eine Maske aufsetzen, die Arme verschränken, eine Botschaft zeigen oder eine Choreografie aufführen, die Millionen Menschen wenige Minuten später auf ihren Smartphones sehen.
Ein Fußballer hat während eines Spiels kaum Gelegenheit, selbst zu sprechen.
Nach einem Tor bekommt er für ein paar Sekunden eine Bühne.
Vielleicht ist genau deshalb der Torjubel einer der unterschätztesten Momente dieses Sports.
Denn er ist niemals nur Freude.
Manchmal ist er Politik.
Manchmal Rache.
Manchmal Marketing.
Und manchmal reicht eine Eckfahne, damit niemand mehr über das Tor spricht.
Linz, 24. September 2026
Saied Abu Farchi köpft den Ball in der 55. Minute ins österreichische Tor.
1:1.
Es ist sein erstes Tor für Israels Nationalmannschaft.
Der 20-Jährige läuft in Richtung Eckfahne, zieht sie aus ihrer Halterung, geht zu Boden und benutzt den langen Stab für seinen Jubel.
Was genau er darstellt, ist schon wenige Minuten später umstritten.
Reuters beschreibt die Bewegung als Simulation eines Gewehrschusses. Auch internationale Medien übernehmen diese Interpretation. Abu Farchi habe die Eckfahne wie eine Waffe benutzt, heißt es.
Andere Beobachter erkennen zunächst etwas anderes.
Eine Billardbewegung.
Abu Farchi legt beziehungsweise führt den Stock über seine Hand, ähnlich wie ein Spieler einen Queue führt. Auch Berichte aus dem Umfeld seines MLS-Klubs beschreiben die Szene genau so.
Dann hebt Abu Farchi den Stock.
Und das Bild kippt.
Was in der ersten Bewegung wie Billard aussieht, sieht in der nächsten wie ein Gewehr aus.
Schiedsrichter Georgi Kabakov zeigt Gelb.
Vier Minuten zuvor hatte Abu Farchi bereits eine Verwarnung erhalten.
Gelb-Rot.
Ein Tor, ein Jubel, ein Platzverweis.
Österreich gewinnt später 3:1.
Am Morgen danach ist Abu Farchis Kopfball beinahe nebensächlich.
Sein Jubel ist die Geschichte.
Das ist im Fußball nichts Neues.
Das Tor ist manchmal nur der Anfang
Die berühmtesten Tore der Geschichte besitzen häufig zwei Erinnerungen.
Das Tor.
Und das Bild danach.
Diego Maradona mit erhobenen Armen.
Pelé, der von Jairzinho umarmt wird.
Marco Tardelli, der im WM-Finale 1982 schreiend über den Rasen läuft.
Cristiano Ronaldos Sprung und das anschließende „Siu“.
Lionel Messi, der nach seinem späten Treffer im Clásico 2017 sein Trikot Richtung Real-Fans hält.
Roger Milla, der 1990 an der Eckfahne tanzt.
Gerade Milla gehört zu jenen Spielern, die den modernen Torjubel verändert haben.
Bei der WM 1990 tanzte der damals 38-Jährige nach seinen Treffern für Kamerun an der Eckfahne. FIFA selbst beschreibt seine Auftritte rückblickend als einen Moment, der Torjubel nachhaltig veränderte.
Bis dahin war Jubeln häufig spontan gewesen.
Arme hoch.
Mitspieler umarmen.
Zur Tribüne laufen.
Mit Milla wurde die Eckfahne zur Bühne.
Danach begannen Torjubel immer häufiger eine eigene Geschichte zu erzählen.
Paul Gascoigne legt sich in den Zahnarztstuhl
Vielleicht gibt es kaum ein besseres Beispiel dafür als Paul Gascoigne.
Vor der Europameisterschaft 1996 hatte Englands Mannschaft während einer Reise nach Hongkong für negative Schlagzeilen gesorgt.
Britische Zeitungen veröffentlichten Bilder einer Trinksession. Besonders berühmt wurde der sogenannte „Dentist’s Chair“: Ein Spieler lag zurückgelehnt, während ihm Alkohol in den Mund geschüttet wurde.
Gascoigne wurde zum Gesicht des Skandals.
Wenige Wochen später spielt England bei der Heim-EM gegen Schottland.
Gascoigne erzielt eines der berühmtesten Tore seiner Karriere: Er hebt den Ball über Colin Hendry und vollendet volley.
Dann läuft er hinter das Tor.
Legt sich auf den Rücken.
Öffnet den Mund.
Seine Mitspieler spritzen Wasser hinein.
Der Zahnarztstuhl.
Noch einmal.
Diesmal im Wembley-Stadion.
Die Geste war nicht bloß ein Jubel. Sie war eine Antwort.
An die Zeitungen.
An die Kritiker.
An alle, die Gascoigne vor dem Turnier zur Symbolfigur einer vermeintlich außer Kontrolle geratenen Nationalmannschaft gemacht hatten.
Der Guardian beschrieb später, der Jubel sei fast ebenso berühmt geworden wie das Tor selbst.
Das ist ein entscheidender Punkt.
Der moderne Torjubel entsteht nicht nur aus Freude.
Er kann eine Gegenrede sein.
Der Fußballer bekommt für einige Sekunden die Möglichkeit, auf eine Geschichte zu antworten, über die normalerweise andere bestimmen.
Journalisten.
Fans.
Funktionäre.
Gegner.
Beim Tor gehört die Kamera ihm.
Robbie Fowler und die weiße Linie
Robbie Fowler verstand das vielleicht besser als fast jeder andere.
April 1999.
Merseyside-Derby.
Liverpool gegen Everton.
Fowler verwandelt einen Elfmeter.
Danach geht er vor den Everton-Fans auf die Knie.
Er beugt sich zur weißen Linie des Strafraums.
Hält sich ein Nasenloch zu.
Und tut so, als würde er die Linie durch das andere hochziehen.
Die Botschaft versteht jeder.
Fowler war von gegnerischen Fans immer wieder mit Behauptungen über Drogenkonsum verspottet worden. Sein Jubel sollte eine Retourkutsche sein.
Ein Witz.
Oder eine Provokation.
Je nach Perspektive.
Gerard Houllier versuchte anschließend sogar zu erklären, Fowler habe Gras gegessen.
Kaum jemand glaubte ihm.
Der Guardian schrieb damals, der Jubel werde womöglich länger in Erinnerung bleiben als das Spiel selbst.
Auch das ist ein Muster, das sich bis heute wiederholt.
Das Tor besitzt sportliche Bedeutung.
Der Jubel besitzt kulturelle Bedeutung.
Und manchmal gewinnt die zweite die Oberhand.
Derselbe Fowler, vollkommen andere Botschaft
Zwei Jahre zuvor hatte Fowler schon einmal gezeigt, wie politisch ein Torjubel werden kann.
1997 trifft er im Europapokal gegen Brann Bergen.
Danach zieht er sein Liverpool-Trikot hoch.
Darunter trägt er ein Shirt zur Unterstützung entlassener beziehungsweise ausgesperrter Liverpooler Hafenarbeiter.
„Support The 500 Sacked Dockers“.
Der Protest war bewusst geplant.
Fowler und Steve McManaman wollten auf den Arbeitskampf aufmerksam machen.
UEFA zeigte durchaus Verständnis für die Sache.
Und bestrafte Fowler trotzdem.
Er erhielt eine Geldstrafe, weil politische Botschaften auf dem Spielfeld verboten waren.
Zwei Fowler-Jubel.
Zwei vollkommen unterschiedliche Geschichten.
1997 Solidarität mit Arbeitern.
1999 Kokain-Imitation.
Beide zeigen aber dasselbe Prinzip:
Sobald ein Spieler nach einem Tor eine Botschaft sendet, verlässt der Jubel den Bereich des Sports.
Und genau an diesem Punkt beginnen die Verbände nervös zu werden.
Warum ausgerechnet der Jubel reguliert wird
Das klingt zunächst paradox.
Fußball lebt von Emotion.
Stadien explodieren nach Toren.
Werbespots verkaufen genau diese Bilder.
Verbände produzieren Videos der größten Jubel.
Fernsehsender schneiden sie in Trailer.
Und gleichzeitig existieren zahlreiche Vorschriften darüber, wie ein Spieler jubeln darf.
Das IFAB schreibt in Regel 12 ausdrücklich fest, dass ein Spieler ein Tor feiern darf.
Aber nicht grenzenlos.
Verwarnungswürdig sind unter anderem provokative, höhnische oder aufhetzende Gesten, das Erklettern von Zäunen in bestimmten Situationen, das Verbergen des Gesichts mit bestimmten Gegenständen und das Ausziehen des Trikots. Auch übermäßiger Zeitverlust kann sanktioniert werden.
Hinter diesen Regeln steckt eine interessante Vorstellung:
Freude ist erwünscht.
Aber sie muss kontrollierbar bleiben.
Fußball will Emotion.
Nur keine Emotion, die das Publikum entzündet.
Und genau diese Grenze ist extrem schwer zu ziehen.
Emmanuel Adebayor läuft einfach weiter
September 2009.
Manchester City gegen Arsenal.
Emmanuel Adebayor trifft gegen seinen ehemaligen Klub.
Dann läuft er.
Nicht zur nächstgelegenen Tribüne.
Nicht zu den City-Fans.
Er läuft über fast das gesamte Spielfeld.
Direkt zu den mitgereisten Arsenal-Anhängern.
Dort rutscht er auf den Knien über den Rasen.
Arme ausgebreitet.
Blick zur Tribüne.
Ein Bild, das bis heute zu den berühmtesten Provokationen der Premier League gehört.
Die Vorgeschichte war hässlich.
Adebayor war bei Arsenal-Fans nach seinem Wechsel zu City massiv beschimpft worden. Er erklärte später, er habe während des Spiels Beleidigungen gehört.
Sein Jubel war die Antwort.
Der Guardian bezeichnete die Szene später als eine der provokantesten Torfeiern der Premier-League-Geschichte.
Doch der Fall stellte eine interessante Frage:
Wie viel muss ein Spieler aushalten?
Fans dürfen ihn über 90 Minuten beschimpfen.
Doch wenn er nach einem Tor zurückprovoziert, greift der Verband ein.
Die Tribüne besitzt tausend Stimmen.
Der Spieler besitzt eine.
Für ungefähr zehn Sekunden.
Adebayor nutzte sie.
Provokation funktioniert nur mit Publikum
Der Torjubel ist dabei immer eine Kommunikation.
Man braucht mindestens zwei Seiten.
Denjenigen, der jubelt.
Und denjenigen, für den gejubelt wird.
Oder gegen den.
Deshalb können identische Gesten in verschiedenen Stadien völlig unterschiedliche Bedeutungen besitzen.
Paul Gascoigne lernte das bei den Glasgow Rangers.
Während eines Old-Firm-Kontexts imitierte er das Spielen einer Flöte.
Außerhalb Glasgows hätte die Bewegung möglicherweise albern gewirkt.
Im Umfeld von Rangers und Celtic besaß sie eine völlig andere Bedeutung.
Die Flöte wurde mit protestantisch-unionistischen Orange-Order-Märschen verbunden. In einer Rivalität, die historisch mit Religion, nordirischer Politik und gesellschaftlichen Trennlinien aufgeladen war, konnte eine vermeintlich harmlose Bewegung deshalb als sektiererische Provokation verstanden werden. Zeitgenössische Berichte beschrieben genau diese Wirkung.
Der Kontext macht aus einer Bewegung ein Symbol.
Das ist auch für Abu Farchis Eckfahne entscheidend.
Wenn ein Jubel geopolitisch wird
Ein besonders deutliches Beispiel liefert die Weltmeisterschaft 2018.
Schweiz gegen Serbien.
Granit Xhaka trifft.
Später trifft Xherdan Shaqiri.
Beide formen beim Jubel mit ihren Händen einen Doppeladler.
Das Symbol erinnert an den Adler der albanischen Flagge.
Xhaka und Shaqiri haben kosovo-albanische Wurzeln.
Der Gegner ist Serbien.
Serbien erkennt Kosovos Unabhängigkeit nicht an.
Plötzlich ist aus einem WM-Spiel eine Bühne für Geschichte geworden.
Beide Spieler bestritten, dass ihre Geste gegen den Gegner gerichtet gewesen sei beziehungsweise bezeichneten ihren Jubel nicht als politische Provokation. FIFA eröffnete trotzdem ein Disziplinarverfahren und verhängte Geldstrafen.
Die Bewegung dauerte wenige Sekunden.
Ihre Vorgeschichte reicht Jahrzehnte zurück.
Genau darin liegt die Macht solcher Bilder.
Der Jubel muss die Geschichte nicht erklären.
Ein Symbol reicht.
Nicolas Anelka und die Frage nach der Absicht
Noch komplizierter wurde es bei Nicolas Anelka.
2013 feierte der Franzose ein Tor für West Bromwich Albion mit der sogenannten „Quenelle“.
Die Geste war durch den französischen Komiker Dieudonné M’bala M’bala bekannt geworden und wurde in Frankreich stark mit antisemitischen Kontroversen verbunden.
Anelka bestritt eine antisemitische Intention.
Die englische FA untersuchte den Fall ausführlich und zog Experten hinzu.
Am Ende wurde Anelka für fünf Spiele gesperrt und mit 80.000 Pfund bestraft.
Der entscheidende Punkt der schriftlichen Entscheidung ist bemerkenswert: Die Kommission stellte ausdrücklich nicht fest, dass Anelka Antisemit sei oder mit seiner Geste Antisemitismus habe verbreiten wollen.
Sie wertete die Handlung dennoch als Regelverstoß mit Bezug auf Religion beziehungsweise ethnische Herkunft.
Das führt direkt zurück zu Abu Farchi.
Denn Absicht ist im Torjubel nicht immer alles.
Eine Geste kann eine Wirkung besitzen, die der Spieler angeblich nicht beabsichtigt.
Die Verbände beurteilen nicht nur den inneren Gedanken eines Spielers.
Sie beurteilen auch das sichtbare Zeichen.
Paolo Di Canio und der Moment, in dem Mehrdeutigkeit endet
Manche Fälle sind weniger ambivalent.
Paolo Di Canio feierte wiederholt vor Lazio-Anhängern mit ausgestrecktem rechten Arm.
Die Geste wurde in Italien als faschistischer beziehungsweise „römischer“ Gruß interpretiert und führte zu heftiger Kritik.
Di Canio argumentierte zeitweise, seine Geste sei nicht politisch beziehungsweise Ausdruck von Zugehörigkeit.
Die italienischen Fußballinstanzen sahen das anders.
Er wurde unter anderem für einen solchen Gruß gesperrt und mit 10.000 Euro bestraft.
Hier zeigt sich die äußerste Grenze des Torjubels.
Der Fußballplatz ist zwar Bühne.
Aber keine völlig freie Bühne.
Verbände versuchen politische, rassistische, religiöse oder gewaltverherrlichende Botschaften aus dem Spiel herauszuhalten.
Ob das immer konsequent gelingt, ist eine andere Frage.
Der Torjubel als Protest
Gleichzeitig wäre es zu einfach, politische Torjubel nur als Gefahr zu behandeln.
Manche gehören heute zu den positiv erinnerten Bildern des Fußballs.
Fowlers Dockers-Shirt ist ein Beispiel.
Andere Spieler haben auf Rassismus, soziale Ungerechtigkeit oder persönliche Tragödien hingewiesen.
Torjubel können Erinnerung sein.
Ein Finger in Richtung Himmel für einen verstorbenen Angehörigen.
Ein Shirt mit einer Botschaft.
Ein Team, das gemeinsam eine bestimmte Geste zeigt.
Der Fußball versucht dabei seit Jahrzehnten, eine nahezu unmögliche Grenze zu ziehen:
Was ist menschlich?
Was ist gesellschaftlich?
Was ist politisch?
Und wer entscheidet den Unterschied?
Warum Spieler überhaupt choreografieren
Heute kommt noch eine neue Ebene hinzu.
Der Torjubel ist zur Marke geworden.
Cristiano Ronaldos „Siu“ ist weltweit erkennbar.
Kylian Mbappés verschränkte Arme sind Teil seiner öffentlichen Figur.
Antoine Griezmann hat Videospiel- und Popkultur-Gesten übernommen.
Spieler entwickeln Jubel gemeinsam.
Sie planen Tänze.
Sie wiederholen Gesten so oft, bis sie Teil ihrer Identität werden.
Ein Torjubel ist deshalb nicht mehr zwingend das spontane Ergebnis maximaler Freude.
Er kann vorbereitet sein.
Einstudiert.
Wiedererkennbar.
Vermarktbar.
Das verändert auch seine Interpretation.
Wenn Abu Farchis Trainer darauf verweist, dass sein Spieler einen bestimmten Jubel bereits zuvor verwendet habe, ist das deshalb durchaus relevant.
Denn ein wiederkehrender Jubel besitzt zunächst eine andere Ausgangslage als eine einmalige Geste in einem politisch aufgeladenen Spiel.
Doch auch ein etablierter Jubel kann in einem neuen Kontext eine neue Bedeutung bekommen.
Das Symbol reist mit.
Der Kontext verändert sich.
Der Spieler besitzt die Absicht. Das Publikum besitzt die Bedeutung.
Vielleicht lässt sich die Geschichte des Torjubels auf diesen Gegensatz reduzieren.
Ein Spieler weiß, was er tun wollte.
Das Publikum sieht nur, was er getan hat.
Zwischen diesen beiden Dingen liegt die gesamte Kontroverse.
Gascoigne wusste, dass sein Zahnarztstuhl gegen die Boulevardpresse gerichtet war.
Fowler wusste, warum er die weiße Linie „schnupfte“.
Adebayor wusste, warum er ausgerechnet vor den Arsenal-Fans auf die Knie ging.
Xhaka und Shaqiri wussten, welche persönliche Bedeutung der Doppeladler für sie hatte.
Und trotzdem gehörte keine dieser Gesten anschließend nur noch ihnen.
Sobald sie ausgeführt war, begann die Öffentlichkeit mit der Interpretation.
Zurück zur Eckfahne von Linz
Deshalb ist die Frage, ob Abu Farchi Billard spielte oder ein Gewehr imitierte, zwar wichtig.
Aber vielleicht nicht einmal die interessanteste.
Interessanter ist, warum diese paar Sekunden sofort explodierten.
Ein israelischer Nationalspieler.
Ein Länderspiel.
Ein politisch hochsensibler internationaler Kontext.
Ein langer Stock.
Eine Bewegung, die aus einem bestimmten Blickwinkel einer Waffe ähnelt.
Und ein Schiedsrichter, der innerhalb von Sekunden entscheiden muss.
Reuters beschrieb die Aktion eindeutig als Waffenimitation.
Andere Beobachter sahen einen Billardstoß.
Österreichische Spieler und Teamchef Ralf Rangnick kritisierten den Jubel nach dem Spiel.
Israels Trainer Ran Ben Shimon erklärte wiederum, sein Spieler habe diesen Jubel schon zuvor gezeigt und dafür bislang keine Verwarnung erhalten.
Man kann darin einen Widerspruch sehen.
Oder die perfekte Zusammenfassung dessen, was ein Torjubel ist.
Ein paar Sekunden Freiheit
Während eines Fußballspiels ist nahezu jede Bewegung eines Profis vorgeschrieben.
Position halten.
Pressingauslöser beachten.
Laufwege einhalten.
Abstände sichern.
Standards einstudieren.
Der moderne Fußball kontrolliert den Spieler bis ins Detail.
GPS-Westen messen seine Läufe.
Videoanalysten zerlegen seine Bewegungen.
Trainer korrigieren seine Entscheidungen.
Dann fällt ein Tor.
Und für ein paar Sekunden bricht diese Ordnung zusammen.
Vielleicht lieben Spieler den Torjubel genau deshalb so sehr.
Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie selbst bestimmen dürfen, was passiert.
Und vielleicht fürchten die Verbände ihn aus genau demselben Grund.
Denn diese wenigen Sekunden können nicht nur Freude produzieren.
Sie können alte Konflikte sichtbar machen.
Fans provozieren.
Politische Botschaften transportieren.
Sponsoren irritieren.
Verbände herausfordern.
Oder aus einem Fußballspiel eine internationale Debatte machen.
Das Paradox des Jubelns
Der Fußball möchte den perfekten Torjubel.
Emotional genug für die Fernsehbilder.
Spontan genug für die Authentizität.
Spektakulär genug für Social Media.
Aber bitte nicht beleidigend.
Nicht politisch.
Nicht gefährlich.
Nicht zu lang.
Nicht zu provokativ.
Nicht mit ausgezogenem Trikot.
Nicht auf dem Zaun.
Und möglichst ohne jemanden zu verärgern.
Das ist beinahe unmöglich.
Denn Freude ist selten neutral.
Vor allem nicht im Fußball.
Ein Tor existiert immer gegen jemanden.
Der eine Block springt auf.
Der andere verstummt.
Die gleiche Bewegung kann für die einen Befreiung sein und für die anderen Provokation.
Und manchmal reicht eine Sekunde, damit sich die Bedeutung komplett verändert.
Das Tor bleibt. Der Jubel wird Geschichte.
Von Roger Millas Tanz an der Eckfahne über Gascoignes Zahnarztstuhl und Fowlers weiße Linie bis zum Doppeladler von Xhaka und Shaqiri zieht sich deshalb eine gemeinsame Geschichte.
Der Torjubel ist die Fußnote, die manchmal größer wird als der Haupttext.
Niemand muss heute lange erklären, was Adebayor gegen Arsenal gemacht hat.
Viele erinnern sich an seinen Sprint zur gegnerischen Tribüne, ohne noch genau zu wissen, wie das Tor entstanden war.
Gascoignes Treffer gegen Schottland und sein Zahnarztstuhl sind beinahe zu einer einzigen Erinnerung verschmolzen.
Bei Robbie Fowler genügt die Beschreibung „weiße Linie“.
Der Rest kommt automatisch.
Vielleicht wird es Abu Farchi ähnlich ergehen.
Sein erstes Tor für Israel war ein Kopfball in Linz.
Ein sportlicher Moment, auf den ein 20-jähriger Nationalspieler wahrscheinlich lange hingearbeitet hatte.
Doch das Bild, das davon bleiben könnte, ist ein anderes.
Ein junger Mann.
Eine herausgezogene Eckfahne.
Ein Stock auf seiner Hand.
Eine Bewegung.
Eine Gelbe Karte.
Dann Rot.
Und eine Frage, auf die Fußball seit Jahrzehnten keine endgültige Antwort gefunden hat:
Wo endet der Jubel – und wo beginnt die Botschaft?



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