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DIE KURVE – Teil 1

mandl-martin
25. Aug.
10 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Aug.

Das Lied, das den Fans gehört

Gert Steinbäcker schrieb „Steiermark“ als Lied über Heimat. In Graz wurde daraus etwas anderes: eine Hymne des SK Sturm aus der ADMIRAL Bundesliga, ein Ritual nach Siegen – und eine kleine politische Intervention. Warum gerade dieser Song so viel über Fußballfans erzählt.

Jürgen Heil hat bei SK Sturm in der ADMIRAL Bundesliga eine neue sportliche Heimat gefunden, aber der Verein ist noch viel mehr. Es geht um Gefühl und Zugehörigkeit - Foto-Copyright: GEPA/​ADMIRAL
Jürgen Heil hat bei SK Sturm in der ADMIRAL Bundesliga eine neue sportliche Heimat gefunden, aber der Verein ist noch viel mehr. Es geht um Gefühl und Zugehörigkeit - Foto-Copyright: GEPA/​ADMIRAL

Es gibt diesen Moment nach einem Sturm-Sieg, in dem das Fußballspiel eigentlich schon vorbei ist.

Die Punkte sind verteilt. Die Spieler haben sich bedankt. Manche sind längst in der Kabine. Im Stadion wird es langsam leerer. Ordner beginnen mit ihrer Arbeit, irgendwo werden die ersten Becher eingesammelt, Menschen suchen ihre Jacken und überlegen, ob sie noch auf ein Bier gehen.

Und dann kommt Gert Steinbäcker.

Nicht persönlich.

Aus den Lautsprechern.

„Steiermark“.

Ein Lied aus dem Jahr 1994, geschrieben von einem Grazer Musiker, der damals längst einer der bekanntesten österreichischen Liedermacher war. Ein Lied, das nie als Fußballlied gedacht war. Kein Vereinslied, keine Auftragsarbeit, keine Hymne für einen Klub.

Und trotzdem gehört es heute zu Sturm Graz wie Schwarz und Weiß.

Der Verein selbst nennt es eine „inoffizielle Sturm-Hymne“. Steinbäcker hat das Lied nach eigener Aussage ursprünglich als ganz normales Stück geschrieben. Heute sagt er, ihm sei sogar wichtiger, dass „Steiermark“ die Hymne von Sturm sei, als dass es als steirische Landeshymne wahrgenommen werde. Wenn die gesamte Nordkurve seinen Song singe, sei das für ihn ein „einnehmendes Gefühl“.

Das ist bereits eine ziemlich schöne Geschichte.

Aber dann kommt die eine Zeile.

Steinbäcker singt von Heimat. Von Wurzeln. Von den Eltern. Von alten Freunden. Von dem Gefühl, irgendwo daheim zu sein.

Und er singt auch davon, dass am Begriff Heimat „viel Blut, viel dummer Stolz und der Nazimief“ klebe.

In der Sturm-Kurve wird daraus ein Dialog.

Steinbäcker singt.

Die Kurve antwortet:

„Scheiß Nazis!“

Man muss diesen kleinen Moment nicht größer machen, als er ist.

Aber man sollte ihn auch nicht unterschätzen.

Denn in diesen wenigen Sekunden steckt ziemlich viel von dem, was eine Fußballfanszene ausmacht.

Ein Lied wird übernommen.Ein Lied wird verändert.Ein Lied wird gemeinsam gesungen.Und aus einem persönlichen Text wird ein kollektives Bekenntnis.

Vielleicht beginnt genau hier die Geschichte über Fußballfans, die wir viel zu selten erzählen.

Nicht bei Bengalos.

Nicht bei Ausschreitungen.

Nicht bei der Frage, welcher Klub die lautesten Fans hat.

Sondern bei einem Lied.



Heimat, aber anders


„Steiermark“ ist zunächst einmal ein Heimatlied.

Aber ein ungewöhnliches.

Es ist keine kitschige Postkarte vom grünen Herzen Österreichs. Kein „Wir sind stolz auf unser Land“, das man bedenkenlos bei einer Landesfeier spielen könnte.

Steinbäcker macht etwas Komplizierteres.

Er liebt seine Heimat und misstraut gleichzeitig dem Begriff Heimat.

Er beschreibt Graz und die Steiermark als Ort der Erinnerungen, der Freundschaften, der eigenen Geschichte. Aber er erinnert auch daran, dass Heimatbegriffe missbraucht wurden und werden können.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Heimat ist bei Steinbäcker nicht unbedingt ein politisches Programm.

Sie ist zunächst eine Erfahrung.

Da bin ich her.Da kenne ich Menschen.Da sind meine Erinnerungen.Da sind meine Toten.Da kann ich zurückkommen.

Und vielleicht ist genau deshalb der Song für eine Fußballkurve so geeignet.

Denn auch eine Kurve behauptet etwas sehr Ähnliches.

Nicht unbedingt:

Das ist unser Land.

Sondern:

Das ist unser Ort.

Unser Stadion.

Unsere Farben.

Unsere Lieder.

Unsere Leute.

Unsere Geschichte.


Graz ist dafür ein besonderer Ort


Man muss Sturm nicht verstehen, wenn man Graz nicht versteht.

Die Stadt liegt zwischen zwei Wirklichkeiten.

Sie ist österreichische Landeshauptstadt und Universitätsstadt. Sie ist kulturell geprägt, wirtschaftlich gewachsen, längst international. Gleichzeitig hat Graz bis heute etwas Überschaubares. Eine Stadt, in der sich Milieus und Erinnerungen über Jahrzehnte halten.

Und über allem liegt die Mur.

Sie trennt und verbindet.

Auf der einen Seite die Altstadt, die Dächer, der Schlossberg, die Universität, die Cafés.

Auf der anderen Seite die Arbeitergeschichte, die Industrie, die südlichen und östlichen Stadtteile, die großen Verkehrsachsen.

Dazwischen der Fußball.

Sturm ist dabei nicht einfach irgendein Sportverein.

Der Klub wurde 1909 gegründet – nicht in einem repräsentativen Palais, sondern im Gasthaus Schafzahl in der Pestalozzistraße.

Seine alte Heimat war die Gruabn.

Ein Fußballplatz mitten in Graz, der zwischen 1919 und 1997 Sturm-Heimstätte war. Ein kleiner, enger Ort, der in der Erinnerung des Vereins bis heute eine besondere Rolle spielt.

Gert Steinbäcker erzählt, dass sein Onkel ihn als Zehnjährigen dorthin mitnahm.

Er saß direkt hinter dem Sturm-Tormann.

Und was ihn faszinierte, war das „Erdige“ dieses Fußballs.

Das Wort passt erstaunlich gut.

Erdig.

Nicht geschniegelt.

Nicht geschniegelt sein wollen.

Nicht unbedingt elegant.

Sturm hatte lange den Ruf eines Vereins der „Hackler“, wie Steinbäcker selbst einmal sagte – auch wenn die Realität auf den Tribünen natürlich immer vielfältiger war.

Das ist wichtig, weil Fanszenen immer auch aus solchen Erzählungen entstehen.

Sie erzählen sich selbst, woher sie kommen.


Der Verein wird zur Familie


Natürlich ist das Wort „Familie“ im Fußball abgenutzt.

Jeder Klub hat seine „Familie“.

Aber bei Sturm gibt es dafür eine interessante Geschichte.

Schon ältere Dokumente aus der Fanszene beschreiben die Aktivitäten der Nordkurve nicht nur als 90 Minuten Unterstützung im Stadion. Fanvertreter organisierten Veranstaltungen, spendeten Geld, pflegten Kontakte zum Verein und kümmerten sich auch um Fans in schwierigen Situationen. Der Begriff „Sturmfamilie“ war dort nicht bloß eine Marketingphrase.

Das ist der Punkt, an dem eine Fanszene beginnt, interessant zu werden.

Denn ein Fan ist zunächst jemand, der ein Spiel anschaut.

Eine Fanszene ist etwas anderes.

Eine Fanszene produziert selbst Kultur.

Sie schreibt Lieder um.

Sie erfindet Choreografien.

Sie entscheidet, wann gesungen wird.

Sie bestimmt, welche Fahnen hängen.

Sie organisiert Auswärtsfahrten.

Sie sammelt Geld.

Sie streitet mit dem Verein.

Sie verhandelt mit dem Verein.

Sie setzt Themen.

Sie schreibt Fanzines.

Sie produziert ihre eigene Geschichte.

Und manchmal schreibt sie sogar die Geschichte eines Liedes um.


Wenn ein Lied plötzlich nicht mehr dem Musiker gehört


Das Faszinierende an „Steiermark“ ist deshalb nicht einmal, dass Sturm-Fans das Lied mögen.

Das wäre normal.

Fans mögen Lieder.

Vereine haben Hymnen.

Stadien spielen Musik.

Das gibt es überall.

Das Faszinierende ist, was die Kurve aus dem Lied gemacht hat.

Der Song existierte bereits.

Die Geschichte war geschrieben.

Der Musiker war bekannt.

Die Aufnahme war fertig.

Und irgendwann begann die Kurve, das Lied zu übernehmen.

Zunächst nur Teile, später immer mehr. Steinbäcker erzählte 2024, dass die Fans inzwischen alle drei Strophen textsicher mitsingen. Er bezeichnete das als „einzigartig“ – und zugleich als „eigenartig“.

Das ist genau der Moment, in dem aus Konsum Aneignung wird.

Ein Konzertpublikum hört einen Musiker.

Eine Kurve benutzt einen Musiker.

Das ist ein Unterschied.

Im Konzert gehört der Song dem Künstler.

Im Stadion gehört der Song irgendwann der Masse.

Sie entscheidet, wann er beginnt.

Sie entscheidet, wie laut er wird.

Sie entscheidet, welche Stelle besonders wichtig ist.

Und manchmal antwortet sie sogar auf den Sänger.


„Scheiß Nazis!“


Das ist der Moment aus dem Steinbäcker-Clip, der diese Geschichte auf eine andere Ebene hebt.

Denn die Kurve singt nicht einfach brav den Text eines bekannten Liedermachers nach.

Sie hört eine politische Aussage heraus – und antwortet darauf.

Das ist bemerkenswert, weil der Text selbst bereits ambivalent ist.

Steinbäcker sagt nicht: Heimat ist schlecht.

Im Gegenteil.

Er singt über seine Wurzeln, seine Freunde, seine Eltern und den Ort, an den er zurückkehren kann.

Aber er trennt diese persönliche Heimat von jenem Heimatbegriff, an dem „Blut“, „dummer Stolz“ und der Nationalsozialismus kleben.

Das Lied sagt damit im Grunde:

Ich darf Heimat lieben, ohne sie euch zu überlassen.

Und die Kurve antwortet:

Wir auch.

Das ist vielleicht die interessanteste politische Aussage daran.

Nicht weil 4.000 Menschen gemeinsam „Scheiß Nazis“ rufen.

Das können viele.

Sondern weil die Aussage ausgerechnet innerhalb eines Heimatliedes entsteht.

Die Kurve sagt damit nicht:

Heimat ist rechts.

Sie sagt:

Heimat gehört nicht den Rechten.


Fußballkurven sind politische Räume


Damit sind wir bei einem Missverständnis angekommen, das sich durch die Berichterstattung über Fußballfans zieht.

Wenn über Fanszenen gesprochen wird, wird Politik oft auf Parteipolitik reduziert.

Links oder rechts?

Antifa oder Rechtsextremismus?

Progressiv oder konservativ?

Das sind wichtige Fragen.

Aber sie erklären nicht alles.

Eine Kurve ist politisch, lange bevor sie ein Parteiprogramm diskutiert.

Denn sobald Menschen gemeinsam entscheiden, wie ihr Stadion aussehen soll, wem der Verein gehört, welche Symbole akzeptiert werden und wer Teil der Gemeinschaft sein darf, geht es um Politik.

Bei Sturm gab es dafür schon vor Jahren ein bemerkenswertes Beispiel.

Unter dem Titel „Freiheit für Sturm“ kämpften Fans gegen die kommerzielle Verwendung des Vereinslogos. Ihre Argumentation war ziemlich grundsätzlich: Sturm sei nicht das Eigentum eines Sponsors, sondern gehöre seinen Mitgliedern und Fans.

Das ist keine Fußballromantik mehr.

Das ist eine Frage von Eigentum.

Von Identität.

Von Macht.

Und genau deshalb sind gute Fanszenen so viel interessanter als die Frage, wie viele Bengalos sie zünden.


Die Kurve ist ein eigener sozialer Raum


Vielleicht kann man eine Fanszene am besten verstehen, wenn man sie nicht als Teil des Publikums betrachtet.

Sondern als eigenen sozialen Raum.

In Graz ist dieser Raum die Nordkurve.

Dort stehen verschiedene Gruppen, die gemeinsam die Atmosphäre prägen. Die organisierte Szene hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Eine der prägenden Gruppen, die Brigata Graz, entstand 1994 und orientierte sich an der italienischen Ultrabewegung. Der Weg von den ersten organisierten Gruppen bis zur heutigen Kurve war lang.

Ein Fanzine der Grazer Szene beschrieb diesen Prozess rückblickend als langwierige Entwicklung: Von den 1990er- bis in die 2000er-Jahre dauerte es, bis Vorsänger und organisierter Support jene Reichweite und Akzeptanz innerhalb der gesamten Kurve erreichten, die heute selbstverständlich erscheinen.

Das klingt nach einer Kleinigkeit.

Ist es aber nicht.

Denn eine Kurve muss lernen, gemeinsam zu sein.

Tausende Menschen müssen gleichzeitig dasselbe Lied kennen.

Sie müssen wissen, wann sie aufstehen.

Wann sie schweigen.

Wann sie springen.

Wann ein neues Lied beginnt.

Wann ein Vorsänger übernimmt.

Wann ein Lied aus der Kurve kommt und wann es von den Lautsprechern kommt.

Das ist Choreografie.

Aber nicht nur optische.

Soziale Choreografie.


Und dann passiert etwas Seltsames


Man kann das in jedem Stadion beobachten.

Ein einzelner Mensch kann einen Verein lieben.

Zwei Menschen können sich darüber unterhalten.

Zehn können einen Fanclub gründen.

Hundert können gemeinsam auswärts fahren.

Aber erst wenn Tausende dasselbe tun, entsteht etwas, das größer ist als die Summe der einzelnen Personen.

Das ist der eigentliche Zauber einer Kurve.

Du kannst den Text vergessen.

Jemand neben dir kennt ihn.

Du kannst die Melodie nicht mehr hören.

Du spürst sie.

Du musst nicht wissen, wer neben dir steht.

Du weißt nur:

Er gehört zu uns.

Und dann beginnt „Steiermark“.


Die Stadt singt über sich selbst


Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass gerade dieses Lied in Graz funktioniert.

„Steiermark“ handelt von Menschen, die aus einer Stadt kommen.

Von Erinnerungen an Straßenecken.

Von „normalen Leut'n“.

Von Freunden.

Von den Dingen, die bleiben, obwohl man längst woanders war.

Das ist im Grunde genau das Material, aus dem Fußballvereine gebaut sind.

Nicht aus Tabellen.

Aus Erinnerungen.

Der erste Stadionbesuch.

Der Vater, der einen mitnimmt.

Der Großvater.

Das erste Auswärtsspiel.

Der erste Titel.

Die erste Niederlage, die man nie vergessen hat.

Der Platz, an dem man nach dem Spiel immer steht.

Die Kneipe.

Die Straßenbahn.

Der Freund, der irgendwann nicht mehr mitkommt.

Der Spieler, dessen Namen man seinen Kindern erzählt.

Das Stadion, das irgendwann abgerissen wird.

Und das Lied, das trotzdem bleibt.


Vielleicht ist das die eigentliche Macht einer Fanszene


Nicht, dass sie lauter ist als andere.

Nicht, dass sie spektakulärere Choreografien macht.

Nicht, dass sie mehr Pyrotechnik hat.

Sondern dass sie Dinge in Erinnerung hält.

Die organisierte Sturm-Fanszene ist inzwischen weit mehr als ein Block im Stadion. Die Initiative „Schwoaze Helfen“ sammelte allein 2025 einen Reinerlös von 143.000 Euro und unterstützte damit 18 verschiedene Projekte und Menschen.

Das ist die andere Seite der Kurve.

Die Seite, die man im Fernsehen kaum sieht.

Menschen, die Geld sammeln.

Menschen, die Veranstaltungen organisieren.

Menschen, die mit anderen Fans sprechen.

Menschen, die ihre Freizeit investieren.

Menschen, die eine Choreografie nicht in fünf Minuten aufbauen, sondern wochenlang vorbereiten.

Menschen, die für ein Auswärtsspiel einen Bus organisieren.

Menschen, die irgendwann selbst Kinder in die Kurve mitnehmen.

So entsteht Tradition.

Nicht oben im Vorstand.

Nicht auf dem Rasen.

Sondern unten.

Von Mensch zu Mensch.


Ein Lied als Eigentumserklärung


Und deshalb ist der Moment mit Steinbäcker so schön.

Weil er etwas umdreht.

Der Musiker steht nicht auf einer Bühne und bekommt Applaus.

Er steht gewissermaßen vor seiner eigenen Schöpfung.

Das Lied läuft.

Die Kurve singt.

Und der Mann, der es geschrieben hat, hört zu.

Er weiß, dass die Menschen dort unten etwas damit gemacht haben, was er nie geplant hatte.

Aus einem Lied über die Steiermark wurde ein Lied über Sturm.

Aus einem Lied über Heimat wurde ein Lied über Zugehörigkeit.

Und aus einer Zeile über den „Nazimief“ wird eine kollektive Antwort.

Steinbäcker selbst hat diese Entwicklung immer wieder als etwas Besonderes beschrieben. Er hatte weder eine zweite Landeshymne noch eine Sturm-Hymne geplant. Das Lied entwickelte sich einfach weiter.

Vielleicht ist das die schönste Eigenschaft von Liedern.

Sie lassen sich nicht vollständig kontrollieren.

Man kann sie schreiben.

Aber man kann nicht bestimmen, was Menschen mit ihnen machen.


Die Kurve schreibt weiter


Es wäre zu einfach, daraus eine Geschichte über die „guten Sturm-Fans“ zu machen.

Das wäre langweilig.

Fanszenen sind widersprüchlich.

Sie können solidarisch und brutal sein.

Sie können demokratisch und hierarchisch sein.

Sie können offen und gleichzeitig exklusiv sein.

Sie können gegen Rassismus stehen und trotzdem jemanden ausgrenzen.

Sie können ihren Verein gegen Kommerz verteidigen und gleichzeitig von dessen sportlichem Erfolg profitieren.

Sie können den Fußball lieben und ihn gleichzeitig verändern.

Genau diese Widersprüche machen sie interessant.

Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Denn die Frage ist nicht:

Sind Fußballfans gut oder schlecht?

Die interessantere Frage lautet:

Was passiert, wenn tausende Menschen beschließen, dass ein Fußballverein ihnen gehört?


Und dann kommt wieder das Lied


Das Spiel ist längst vorbei.

Die Mannschaft ist verschwunden.

Die Lichter im Stadion sind noch an.

Aus den Lautsprechern kommt eine Stimme, die Graz seit Jahrzehnten kennt.

„Steiermark.“

Ein Lied von 1994.

Ein Lied über Heimat.

Ein Lied über Erinnerung.

Ein Lied, das ursprünglich niemand für diesen Zweck geschrieben hat.

Und dann singt die Nordkurve.

Nicht für einen Musiker.

Nicht für einen Veranstalter.

Nicht für einen Sponsor.

Sondern für sich selbst.

Für Sturm.

Für Graz.

Für die Menschen neben ihnen.

Und bei dieser einen Zeile verändert sich der Text.

Der Autor lässt die Kurve machen.

Die Kurve antwortet.

„Scheiß Nazis!“

Dann geht das Lied weiter.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:

Eine Fanszene muss nicht unbedingt ein neues Lied schreiben.

Manchmal reicht es, ein vorhandenes Lied zu übernehmen und ihm eine neue Bedeutung zu geben.

Aus Kultur wird Fankultur.

Aus Publikum wird Gemeinschaft.

Aus einem Fußballspiel wird Ritual.

Und aus einem Stadion wird für ein paar Minuten ein Ort, an dem tausende Menschen gemeinsam entscheiden, was Heimat für sie bedeutet.


DIE KURVE – Teil 1 Das Lied, das den Fans gehört


Das ist der erste Teil unserer neuen Serie über Fußballfans, Kurven und die Frage, warum Menschen einem Verein manchmal mehr verbunden sind als einem Ort.


Wir schauen nach Wien – und auf Rapid, Hütteldorf und die Frage, warum ein Fußballverein für seine Anhänger Heimat sein kann.

 
 
 

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