DIE KURVE – TEIL 5
Ein Spiel dauert 90 Minuten. Die Kurve lebt sieben Tage. Warum Menschen ihre Freizeit opfern, um Fahnen zu malen, Busse zu organisieren, Fanzines zu schreiben – und dabei etwas schaffen, das kein Verein kaufen kann.

Es ist Mittwochabend.
Die Mannschaft trainiert längst nicht mehr.
Die meisten Spieler sind zu Hause.
Der Trainer wird vielleicht noch das nächste Spiel analysieren. Der Sportdirektor telefoniert. Irgendwo wird über Transfers gesprochen.
Aber auch in der Fanszene ist noch niemand fertig.
In einem Raum liegen Stoffbahnen auf dem Boden.
Jemand hat einen Bleistift in der Hand.
Ein anderer steht auf einer Leiter.
Auf einem Tisch liegen Farben, Klebeband und Papier.
Es riecht nach Farbe.
Auf dem Handy läuft Musik.
Zwischendurch klingelt es.
„Wie viele kommen am Samstag?“
„Wann fährt der Bus?“
„Haben wir das Material schon?“
„Wer hängt die Fahnen auf?“
Es ist kein Vereinstraining.
Es gibt keinen Arbeitsvertrag.
Keinen Stundenlohn.
Keine Prämie.
Und trotzdem sitzen hier Menschen nach einem Arbeitstag zusammen und investieren ihre Abende in den Fußball.
Wenn man verstehen will, was eine Kurve ist, muss man genau hier anfangen.
Nicht am Samstag im Stadion.
Sondern am Mittwochabend.
Die eigentliche Leistung sieht niemand
Eine Choreografie dauert manchmal drei Minuten.
Ihre Vorbereitung kann Wochen dauern.
Eine Auswärtsfahrt dauert einen Tag.
Ihre Organisation beginnt oft lange vorher.
Ein Fanzine ist vielleicht 30 Seiten Papier.
Dahinter stehen Texte, Fotos, Interviews, Layout, Druck, Finanzierung und Verteilung.
Das Entscheidende ist deshalb nicht die einzelne Handlung.
Es ist die Summe.
Eine organisierte Fanszene ist eine Form von freiwilliger, unbezahlter Arbeit.
Und diese Arbeit produziert etwas, das sich nur schwer messen lässt:
Gemeinschaft.
Das klingt zunächst harmlos.
Ist es aber nicht.
Denn Gemeinschaft ist eine Ressource.
Sie kann Menschen mobilisieren.
Sie kann Protest organisieren.
Sie kann Geld sammeln.
Sie kann Informationen verbreiten.
Sie kann einen Verein unter Druck setzen.
Und sie kann einen Menschen auffangen, der sonst vielleicht nirgendwo dazugehört.
Genau deshalb ist die Kurve nicht einfach ein Teil des Publikums.
Sie ist eine soziale Organisation.
Die Geschichte beginnt mit einer einfachen Idee
Die moderne Ultra-Kultur entstand nicht deshalb, weil irgendwann jemand beschlossen hätte, besonders laut zu sein.
In Italien veränderte sich die Fankultur Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre grundlegend.
Die ersten Ultras brachten etwas Neues ins Stadion:
Organisation.
Fahnen wurden nicht mehr zufällig geschwenkt.
Gesänge wurden koordiniert.
Transparente wurden vorbereitet.
Pyrotechnik wurde geplant.
Treffpunkte entstanden.
Gruppen bildeten sich.
Und plötzlich wurde aus dem Zuschauer eine Figur, die selbst etwas produzierte.
Das war ein entscheidender Schritt.
Der Fan war nicht länger nur Konsument des Spiels.
Er wurde Akteur.
Die Forschung zur Ultra-Kultur beschreibt genau diese Entwicklung: Ultras verstanden sich zunehmend als aktive Gestalter der Atmosphäre und als Sprecher der Fanszene. Eigene Räume, Publikationen, Choreografien und Organisationsstrukturen wurden Teil einer Kultur, die sich bewusst vom bloßen Zuschauerstatus abgrenzte.
Und damit veränderte sich auch die Bedeutung der Zeit.
Denn wer eine Kurve organisieren will, braucht Zeit.
Sehr viel Zeit.
Freizeit wird zur Vereinsarbeit
Das Interessante daran:
Die Fans arbeiten nicht für den Verein.
Sie arbeiten für ihre Vorstellung davon, was dieser Verein sein soll.
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Ein Verein kann einem Spieler Geld bezahlen.
Er kann einen Trainer anstellen.
Er kann eine Marketingagentur engagieren.
Er kann Social-Media-Content produzieren lassen.
Aber er kann keine echte freiwillige Verbundenheit kaufen.
Man kann jemanden dafür bezahlen, 500 Fahnen zu produzieren.
Man kann ihn aber nicht dafür bezahlen, dass ihm das Ergebnis wirklich etwas bedeutet.
Das ist der Unterschied zwischen Dienstleistung und Zugehörigkeit.
Und genau deshalb ist die Arbeit der Kurve so wertvoll.
Der Auswärtsbus als soziale Institution
Man muss dafür nicht einmal über große Choreografien reden.
Man kann sich einen Auswärtsbus vorstellen.
Abfahrt 6.30 Uhr.
Irgendwo in Wien.
Manche kennen sich seit Jahren.
Andere sehen sich zum ersten Mal.
Einige schlafen.
Andere trinken Kaffee.
Jemand verteilt die Tickets.
Jemand führt die Liste.
Einer weiß, wo der Bus stehen muss.
Einer kennt den Weg zum Stadion.
Jemand hat die Fahne dabei.
Und irgendwann passiert etwas, das mit dem Spiel selbst gar nichts zu tun hat.
Menschen beginnen, miteinander zu reden.
Über ihre Arbeit.
Über ihre Familien.
Über alte Spiele.
Über Dinge, die mit Fußball überhaupt nichts zu tun haben.
Der Bus wird zu einem sozialen Raum.
Das ist einer der Gründe, warum Auswärtsfahrten innerhalb organisierter Fanszenen so wichtig sind. Forschung zu Fanpraktiken beschreibt sie nicht nur als Reise zum Spiel, sondern als Räume sozialer Interaktion, in denen Zugehörigkeit und Beziehungen innerhalb der Gruppe entstehen und gefestigt werden.
Das erklärt auch, warum die Frage „Warum fährst du sechs Stunden zu einem Auswärtsspiel?“ eigentlich die falsche Frage ist.
Vielleicht fährt man gar nicht nur zum Spiel.
Vielleicht fährt man zu den Menschen.
Freundschaften, die ohne Fußball nie entstanden wären
Das ist eine der unterschätztesten Leistungen von Fankultur.
Ein Fußballverein bringt Menschen zusammen, die sich im normalen Leben wahrscheinlich nie begegnet wären.
Der Installateur.
Die Studentin.
Der Lehrer.
Die Kellnerin.
Der Beamte.
Der Unternehmer.
Der Arbeitslose.
Der Jugendliche.
Der Pensionist.
Sie stehen nebeneinander.
Nicht weil sie denselben Beruf haben.
Nicht weil sie gleich viel verdienen.
Nicht weil sie dieselbe politische Meinung haben.
Sondern weil sie denselben Verein lieben.
Natürlich hebt Fußball gesellschaftliche Unterschiede nicht einfach auf.
Das wäre romantischer Unsinn.
Aber er kann einen Raum schaffen, in dem andere Unterschiede für einige Stunden weniger wichtig sind.
Und wenn daraus jahrelange Freundschaften entstehen, wird aus einem Stadionbesuch soziale Bindung.
Die Kurve als zweites Zuhause
Deshalb sprechen Menschen manchmal vom Verein wie von einem Ort.
„Wir fahren heim.“
Obwohl das Auswärtsspiel 300 Kilometer entfernt stattfindet.
Das ist sprachlich interessant.
Denn „heim“ ist normalerweise kein Stadion.
Es ist ein Gefühl.
Hütteldorf kann für einen Rapid-Fan Heimat sein.
Dornbach kann für einen Sport-Club-Fan Heimat sein.
Die Nordkurve in Graz kann Heimat sein.
Nicht weil dort die eigene Wohnung steht.
Sondern weil dort Menschen sind, die einen erkennen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Heimat ist nicht unbedingt der Ort, an dem man lebt.
Manchmal ist es der Ort, an dem man dazugehört.
Und genau deshalb wird die Kurve vererbt
Eine Fanszene besteht aus Generationen.
Das ist keine Metapher.
Man kann es auf einer Tribüne tatsächlich beobachten.
Der Zehnjährige, der neben seinem Vater steht.
Der Jugendliche, der zum ersten Mal allein kommt.
Der 30-Jährige, der inzwischen selbst Kinder hat.
Der 50-Jährige, der noch immer dieselbe Fahne kennt.
Und irgendwo sitzt einer, der schon Spiele besucht hat, als das heutige Stadion noch gar nicht existierte.
So wird Fankultur weitergegeben.
Nicht durch Lehrbücher.
Durch Geschichten.
„Das war damals …“
„Weißt du noch …“
„Dieses Lied haben wir früher …“
„Die Fahne stammt von …“
„Diese Choreo haben wir gegen … gemacht.“
Jede Generation übernimmt nicht nur einen Verein.
Sie übernimmt eine Erzählung über den Verein.
Deshalb sind alte Fahnen manchmal wichtiger als neue Trikots
Ein Trikot kann man kaufen.
Eine Fahne kann man herstellen.
Aber ihre Bedeutung entsteht erst durch ihre Geschichte.
Eine Zaunfahne, die seit 20 Jahren bei Heim- und Auswärtsspielen hängt, ist irgendwann kein Stück Stoff mehr.
Sie ist ein Archiv.
Auf ihr kleben Erinnerungen.
Sie war in Stadien, die es vielleicht gar nicht mehr gibt.
Sie war bei Siegen und Niederlagen.
Bei Europacupnächten.
Bei Abstiegen.
Bei Aufstiegen.
Bei Spielen, an die sich heute kaum noch jemand erinnert.
Das ist eine Form von Erinnerungskultur, die in keinem Vereinsmuseum vollständig abgebildet werden kann.
Denn das Vereinsmuseum erzählt die offizielle Geschichte.
Die Kurve bewahrt ihre eigene.
Und diese beiden Geschichten sind nicht immer identisch.
Das Fanzine war deshalb mehr als eine Zeitung
Bevor Social Media jede Sekunde eines Fußballspiels dokumentierte, musste man sich selbst ein Medium schaffen.
Das Fanzine war genau das.
Beim Wiener Sport-Club etwa entwickelte sich rund um die Fanszene eine eigene Publikationskultur. Die historische Aufarbeitung der Dornbacher Fanszene zeigt, wie Fanzines, Fanartikel, Auswärtsfahrten und andere selbstorganisierte Aktivitäten miteinander verbunden waren.
Warum ist das wichtig?
Weil Medien immer auch Macht bedeuten.
Wer schreibt, entscheidet, welche Geschichte erzählt wird.
Die Vereinszeitung schreibt über den Verein.
Die Boulevardzeitung schreibt über den Verein.
Der Fernsehsender schreibt über den Verein.
Und irgendwann sagen die Fans:
Wir schreiben selbst.
Das Fanzine wurde damit zu einem Stück medialer Selbstermächtigung.
Nicht objektiv.
Nicht neutral.
Das sollte es auch gar nicht sein.
Es war die Stimme einer Gruppe.
Heute ist die Druckmaschine das Smartphone
Die Technik hat sich verändert.
Das Prinzip nicht.
Heute kann eine Fanszene innerhalb von Minuten ein Statement veröffentlichen.
Eine Choreografie dokumentieren.
Ein Video verbreiten.
Eine Kampagne starten.
Geld sammeln.
Menschen mobilisieren.
Früher brauchte man einen Kopierer.
Heute reicht ein Smartphone.
Das macht Fankultur schneller.
Aber nicht unbedingt oberflächlicher.
Denn hinter einem Instagram-Post kann dieselbe Arbeit stehen wie hinter einem alten Fanzine.
Recherche.
Diskussion.
Abstimmung.
Text.
Gestaltung.
Veröffentlichung.
Und danach:
Reaktionen.
Widerspruch.
Streit.
Das digitale Medium hat die Geschwindigkeit verändert.
Nicht die grundlegende Funktion.
Die Kurve hat gelernt, sich selbst zu organisieren
Das vielleicht beeindruckendste Beispiel dafür ist nicht einmal eine Choreografie.
Es ist ein Stadion.
Union Berlin hat mit der Alten Försterei eine Geschichte, die zeigt, wie weit freiwilliges Engagement gehen kann.
Beim Umbau des Stadions 2008/09 halfen mehr als 2.300 Menschen mit und leisteten rund 140.000 Arbeitsstunden.
Das sind keine „Fans“, die einmal ein Transparent hochhalten.
Das sind Menschen, die ihre Freizeit einsetzen, um Infrastruktur für ihren Verein zu schaffen.
Und damit verändert sich das Verhältnis zum Stadion fundamental.
Wenn du selbst an einem Ort gearbeitet hast, gehört dieser Ort anders zu dir.
Du bist nicht nur Besucher.
Du bist Teil seiner Geschichte.
Das ist der Moment, in dem aus Support Identität wird
Eine Kurve wird irgendwann mehr als die Summe ihrer Aktivitäten.
Sie bekommt einen eigenen Charakter.
Einen eigenen Humor.
Eigene Lieder.
Eigene Rituale.
Eigene Feindbilder.
Eigene Helden.
Eigene Geschichten.
Eigene Regeln.
Und irgendwann sogar eine eigene Sprache.
Das kann man bei praktisch jeder großen Fanszene beobachten.
Man muss nur lange genug zuhören.
Ein Außenstehender hört:
„Ein Lied.“
Ein Fan hört:
„Unser Lied.“
Ein Außenstehender sieht:
„Eine Fahne.“
Ein Fan sieht:
„Unsere Fahne.“
Ein Außenstehender sieht:
„Eine Gruppe.“
Der Fan sieht:
„Meine Leute.“
Und genau an diesem Punkt wird es interessant.
Denn Zugehörigkeit erzeugt Verantwortung.
„Meine Leute“
Wer sagt „meine Leute“, sagt automatisch:
Ich fühle mich verantwortlich.
Für sie.
Für den Verein.
Für die Kurve.
Für die Tradition.
Und manchmal auch dafür, was innerhalb dieser Gemeinschaft passiert.
Das kann etwas Großartiges sein.
Menschen sammeln Geld für einen Fan in einer schwierigen Situation.
Sie unterstützen einen Verein finanziell.
Sie helfen bei Veranstaltungen.
Sie kümmern sich um ältere Fans.
Sie organisieren Nachwuchsarbeit.
Sie stellen Räume zur Verfügung.
Sie helfen, wenn jemand Probleme hat.
Die Kurve wird dann zu einem sozialen Netz.
Nicht professionell.
Nicht staatlich.
Nicht perfekt.
Aber real.
Und genau hier beginnt die Ambivalenz
Denn jedes soziale Netz kann tragen.
Aber jedes soziale Netz kann auch ausschließen.
Das ist die andere Seite der Kurve.
Je stärker eine Gemeinschaft, desto stärker kann der Druck sein, dazuzugehören.
Es gibt Codes.
Es gibt Erwartungen.
Es gibt Hierarchien.
Es gibt informelle Macht.
Und es gibt manchmal eine klare Vorstellung davon, was ein „richtiger Fan“ zu sein hat.
Das kann für manche Menschen befreiend sein.
Für andere kann es abschreckend wirken.
Wer dazugehört, bekommt Gemeinschaft.
Wer nicht dazugehört, merkt die Grenze.
Das ist keine Besonderheit des Fußballs.
Aber im Fußball wird es besonders sichtbar, weil die Zugehörigkeit öffentlich getragen wird.
Deshalb ist die Kurve kein Verein im klassischen Sinn
Ein Verein hat Statuten.
Vorstände.
Mitglieder.
Geschäftsordnungen.
Eine Kurve funktioniert anders.
Vieles läuft informell.
Man weiß, wer Einfluss besitzt.
Man weiß, wer lange dabei ist.
Man weiß, wer Dinge organisiert.
Man weiß, wem man vertraut.
Das kann effizient sein.
Aber es ist nicht automatisch demokratisch.
Auch darüber haben wir in Teil 4 gesprochen:
Die Kurve kann Gegenmacht sein – und gleichzeitig selbst Macht ausüben.
Das macht sie interessant.
Und manchmal unbequem.
St. Pauli und die unangenehme Seite der eigenen Gemeinschaft
Wie ernst diese Selbstkritik genommen werden muss, zeigte 2026 ein besonders bemerkenswerter Fall.
Ultrà Sankt Pauli machte öffentlich, dass es innerhalb der eigenen Strukturen zu sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt sowie Machtmissbrauch gekommen war. Die Gruppe benannte dabei ausdrücklich problematische Männlichkeitsbilder, Hierarchien und Leistungsdruck als strukturelle Probleme. Verantwortliche wurden ausgeschlossen.
Das ist wichtig, weil es eine unangenehme Wahrheit zeigt:
Eine Gemeinschaft ist nicht automatisch gut, nur weil sie gemeinsam gegen etwas kämpft.
Eine antifaschistische Kurve kann trotzdem Machtmissbrauch haben.
Eine antirassistische Gruppe kann trotzdem Hierarchien produzieren.
Eine solidarische Gemeinschaft kann Menschen ausschließen.
Und gerade deshalb muss eine lebendige Fanszene nicht nur den Verein oder die Polizei oder den Fußballverband kritisieren.
Sie muss manchmal sich selbst kritisieren.
Das ist wesentlich schwieriger.
Die eigentliche Prüfung findet deshalb nicht im Stadion statt
Die einfachste Form von Gemeinschaft ist:
Wir gegen die.
Gegen den Gegner.
Gegen den Schiedsrichter.
Gegen die Polizei.
Gegen den Verband.
Gegen den Präsidenten.
Gegen den Investor.
Gegen die Medien.
Schwieriger wird es, wenn die Frage lautet:
Was machen wir mit uns selbst?
Wer darf entscheiden?
Wer wird gehört?
Wer wird geschützt?
Wer wird ausgeschlossen?
Wie gehen wir mit Frauen um?
Wie mit jungen Fans?
Wie mit Macht?
Wie mit Gewalt?
Wie mit Kritik?
Eine Kurve, die diese Fragen zulässt, ist nicht schwächer.
Sie ist reifer.
Und trotzdem bleibt etwas Faszinierendes
Trotz all dieser Widersprüche bleibt die grundlegende Idee bemerkenswert:
Menschen verbringen ihre Freizeit damit, etwas gemeinsam zu schaffen, das keinen unmittelbaren materiellen Nutzen hat.
Sie malen.
Sie schreiben.
Sie fahren.
Sie singen.
Sie sammeln.
Sie organisieren.
Sie diskutieren.
Sie streiten.
Sie kommen wieder.
Und sie machen weiter.
Warum?
Die Antwort lässt sich nicht in einer Tabelle darstellen.
Vielleicht ist es genau das, was im modernen Fußball fehlt
Der professionelle Fußball wird immer effizienter.
Stadien werden größer.
Arenen werden moderner.
Marketing wird professioneller.
Social Media wird schneller.
Spieler werden zu Marken.
Vereine werden zu Unternehmen.
Alles wird messbarer.
Besucherzahlen.
Reichweite.
Merchandising.
Engagement.
Conversion.
Ticketing.
Sponsoring.
Und mitten in diesem immer stärker durchökonomisierten Fußball sitzt eine Gruppe von Menschen, die ihre Zeit einfach verschenkt.
Sie machen etwas, weil es ihnen wichtig ist.
Nicht weil es effizient ist.
Nicht weil es sich rechnet.
Nicht weil ein Algorithmus es verlangt.
Sondern weil es ihres ist.
Vielleicht ist das eine der radikalsten Ideen der modernen Fankultur.
Die Kurve produziert keinen Gewinn
Sie produziert etwas anderes.
Erinnerungen.
Freundschaften.
Identität.
Rituale.
Widerstand.
Geschichten.
Und manchmal sogar Heimat.
Das lässt sich nicht verkaufen.
Zumindest nicht vollständig.
Man kann die Farben verkaufen.
Man kann das Trikot verkaufen.
Man kann die Loge verkaufen.
Man kann die Namensrechte verkaufen.
Man kann die Streamingrechte verkaufen.
Aber man kann nicht einfach das Gefühl verkaufen, das jemand hat, wenn 10.000 Menschen dasselbe Lied singen und er weiß:
Das ist mein Verein.
Deshalb lebt die Kurve sieben Tage
Montag ist der Tag nach dem Spiel.
Dienstag beginnt die Vorbereitung.
Mittwoch wird diskutiert.
Donnerstag organisiert.
Freitag wird gepackt.
Samstag wird gefahren.
Sonntag wird gesungen.
Und dann beginnt alles wieder.
Das ist der Unterschied zwischen einem Event und einer Kultur.
Ein Event findet statt.
Eine Kultur wird gelebt.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieser Serie bisher:
Wir sprechen oft darüber, was Fans im Stadion tun.
Aber vielleicht sollten wir viel öfter darüber sprechen, was sie füreinander tun.
Denn die eigentliche Geschichte der Kurve steht nicht immer auf der Tribüne.
Sie sitzt im Bus.
Sie hängt an der Wand.
Sie liegt als altes Fanzine in einer Schublade.
Sie steckt in einer Fahne.
Sie lebt in einem Lied.
Sie wird von einem Vater an seinen Sohn weitergegeben.
Von einer älteren Fanin an einen jungen Fan.
Von einer Generation an die nächste.
Und manchmal beginnt sie an einem Mittwochabend in irgendeinem Raum, in dem Menschen Farbe auf Stoff streichen, obwohl sie morgen wieder arbeiten müssen.
Niemand bezahlt sie dafür.
Niemand schreibt darüber.
Vielleicht wird die Choreografie am Samstag nicht einmal perfekt.
Aber darum geht es auch nicht.
Es geht darum, dass sie gemeinsam gemacht wurde.
Denn am Ende ist die Kurve nicht das Bild, das man am Spieltag sieht.
Die Kurve ist die Arbeit, die niemand sieht.
Und genau deshalb dauert ihr Spiel nicht 90 Minuten.
Es dauert sieben Tage.
DIE KURVE
Teil 1 – Das Lied, das den Fans gehört
Gert Steinbäcker, „Steiermark“ und der Moment, in dem ein Lied seine ursprüngliche Bedeutung verliert – und eine neue bekommt.
Teil 2 – Wem gehört die Stadt?
Hütteldorf, Rapid und die Frage, warum ein Fußballverein zum Zuhause werden kann.
Teil 3 – Die letzten Arbeiter
Was passiert, wenn das soziale Umfeld eines Fußballvereins verschwindet?
Teil 4 – Warum Ultras Politik machen
Über Selbstorganisation, Protest, Macht und die politische Dimension der Kurve.
Teil 5 – Ein Spiel dauert 90 Minuten. Die Kurve lebt sieben Tage.
Über die Arbeit, Freundschaften, Rituale und unsichtbaren Strukturen hinter der Tribüne.
Teil 6 – Wenn die Kurve schweigt
Es gibt Momente, in denen tausende Menschen gemeinsam nichts tun.
Keine Lieder.
Keine Trommeln.
Keine Fahnen.
Kein Jubel.
Nur Stille.
Und manchmal ist diese Stille die lauteste Botschaft, die eine Kurve senden kann.



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