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DIE KURVE – Teil 4

mandl-martin
5. Sept.
12 Min. Lesezeit

Warum Ultras Politik machen

Die Fankurven gehören zum Fußball - Foto-Copyright: Emerson Vieira - Unsplash
Die Fankurven gehören zum Fußball - Foto-Copyright: Emerson Vieira - Unsplash

Von den italienischen Kurven der 1970er-Jahre über Investorenproteste, rechte Fankultur und antifaschistische Tribünen bis zur Frage, wem ein Fußballverein eigentlich gehört


Es gibt diesen Satz im Fußball immer wieder:

„Wir sind unpolitisch.“

Er fällt in Kurven, auf Fantribünen und in Vereinsheimen. Meistens bedeutet er: Wir wollen keine Parteipolitik. Keine Wahlkampfveranstaltung. Keine Politiker, die sich vor unserer Tribüne fotografieren lassen.

Und dann hängt am nächsten Spieltag ein Transparent am Zaun.

Gegen Rassismus.

Gegen Polizeigewalt.

Gegen einen Investor.

Gegen Montagsspiele.

Für Stehplätze.

Für den Erhalt eines Stadions.

Für einen Stadtteil.

Für Palästina.

Für die eigene Vereinsdemokratie.

Oder gegen den Präsidenten.

Das Merkwürdige daran:

Die Menschen, die solche Transparente hochhalten, müssen sich selbst gar nicht als politisch verstehen.

Denn Politik beginnt nicht erst dort, wo jemand ein Parteibuch besitzt.

Sie beginnt dort, wo Menschen darüber streiten, wer entscheiden darf.

Und genau deshalb ist die Geschichte der Ultras auch eine Geschichte über Macht.


Am Anfang stand nicht die Ideologie. Am Anfang stand die Kurve.


Die moderne Ultrakultur entstand in Italien.

In den späten 1960er- und vor allem den 1970er-Jahren entstanden Gruppen, die sich nicht mehr damit begnügten, am Sonntag auf der Tribüne zu sitzen und ihrer Mannschaft zuzusehen.

Die Fossa dei Leoni beim AC Milan, die Ultras Tito Cucchiaroni bei Sampdoria und andere frühe Gruppen entwickelten eine neue Form von Fankultur.

Die Kurve wurde organisiert.

Es gab Fahnen, Banner, Choreografien, Treffpunkte, Auswärtsfahrten und eigene Hierarchien.

Der Fan wurde vom Zuschauer zum Akteur.

Das klingt heute selbstverständlich. Damals veränderte es das Verhältnis zwischen Verein und Publikum.

Der Verein spielte.

Der Fan applaudierte.

So war das klassische Verhältnis.

Die Ultras drehten es um:

Wir sind nicht nur Publikum. Wir sind Teil der Aufführung.

Und damit veränderte sich etwas Grundsätzliches.

Wer selbst organisiert, entwickelt Interessen.

Wer Interessen entwickelt, beginnt sie zu vertreten.

Und wer Interessen vertritt, betreibt Politik.

Nicht unbedingt Parteipolitik.

Aber Interessenpolitik.


Die Kurve entdeckt ihre Macht


Das ist die erste politische Dimension der Ultras:

Selbstorganisation.

Eine Kurve entscheidet selbst, welche Fahne hängt.

Welcher Gesang angestimmt wird.

Welche Choreografie entsteht.

Wer dazugehört.

Wie Geld gesammelt wird.

Wie Auswärtsfahrten organisiert werden.

Und irgendwann auch:

Wie mit dem Verein verhandelt wird.

Das klingt klein.

Ist es aber nicht.

Denn damit entsteht eine Parallelstruktur neben dem Verein.

Nicht offiziell.

Nicht gewählt.

Aber real.

Ein Vorsänger hat Einfluss.

Eine führende Gruppe hat Einfluss.

Ein Capo kann tausende Menschen bewegen.

Und ein Fanblock kann ein Fußballspiel beeinflussen, ohne einen einzigen Ball zu berühren.

Das ist Macht.

Und plötzlich wird aus Fankultur eine Interessenvertretung.

Der Verein möchte Ruhe.

Die Fans wollen Pyrotechnik.

Der Verband möchte einen geregelten Spielbetrieb.

Die Kurve will protestieren.

Die Polizei möchte Kontrolle.

Die Fans wollen Freiräume.

Der Eigentümer möchte Einnahmen.

Die Fans wollen Mitsprache.

Der Fernsehsender möchte planbare Anstoßzeiten.

Die Fans wollen samstags um 15.30 Uhr spielen.

Das sind politische Konflikte.

Und manchmal gewinnen die Fans.


Deutschland: Als die Kurve eine Milliarde stoppte


Ein besonders eindrucksvolles Beispiel gab es 2023 und 2024 in Deutschland.

Die Deutsche Fußball Liga wollte einen Investor für ihre Medienrechte gewinnen. Es ging um einen möglichen Deal im Umfang von rund einer Milliarde Euro. Im Dezember 2023 stimmten die Vereine knapp dafür.

Für viele Fans war das aber keine gewöhnliche Finanzierungsfrage.

Es ging um etwas Grundsätzlicheres:

Wer kontrolliert den deutschen Profifußball?

In Deutschland besitzt diese Frage eine besondere Vorgeschichte.

Die sogenannte 50+1-Regel soll verhindern, dass externe Investoren die Stimmenmehrheit über einen Verein übernehmen. Für viele Fans ist sie längst mehr als eine Verbandsregel.

Sie ist ein Symbol für die Vorstellung, dass ein Fußballverein seinen Mitgliedern verpflichtet bleiben soll.

Als die DFL den Investorendeal vorantrieb, reagierten die Kurven.

Nicht mit einer klassischen Demonstration.

Sondern dort, wo sie Macht besitzen:

im Stadion.

Tennisbälle.

Schokotaler.

Spielzeugautos.

Unterbrechungen.

Banner.

Proteste.

Das Ganze war teilweise absurd und humorvoll – und gerade deshalb wirkungsvoll.

Die Fans machten aus dem Fußballspiel selbst ein politisches Instrument.

Die Botschaft war:

Wenn ihr unseren Fußball verändern wollt, können wir euren Fußballbetrieb verändern.

Wochenlang wurden Spiele unterbrochen. Vereine, Spieler und Funktionäre mussten sich mit dem Protest auseinandersetzen.

Und im Februar 2024 brach die DFL ihre Suche nach einem Investor ab.

Die Fans hatten nicht bloß ihre Meinung gesagt.

Sie hatten eine wirtschaftspolitische Entscheidung einer der mächtigsten Institutionen des deutschen Fußballs zu Fall gebracht.

Eine Kurve hatte gewonnen.

Und plötzlich war sehr deutlich, welche Macht organisierte Fans besitzen können.


Manchester: Was passiert, wenn Fans ihren eigenen Verein gründen?


Noch radikaler wurde die Frage in Manchester.

2005 übernahm die Familie Glazer Manchester United.

Die Übernahme war hoch umstritten, weil der Kauf über Schulden finanziert wurde. Für viele United-Fans war sie ein Symbol für eine Entwicklung, die sie grundsätzlich ablehnten:

Der Verein, den sie als Teil ihrer Stadt und ihrer Geschichte verstanden, war für sie zum Finanzobjekt geworden.

Die Proteste eskalierten.

Und einige Fans zogen eine Konsequenz, die fast revolutionär wirkt:

Sie gründeten einen eigenen Verein.

FC United of Manchester entstand 2005 als direkte Reaktion auf die Glazer-Übernahme. Der Verein wurde bewusst nach demokratischen Prinzipien aufgebaut. Die Mitglieder sollten zentrale Entscheidungen treffen. Nicht ein Eigentümer allein.

Die Idee dahinter war radikal einfach:

Wenn Manchester United nicht mehr der Verein war, den diese Fans wollten, dann konnten sie versuchen, einen neuen zu schaffen.

Nicht als Aktiengesellschaft.

Nicht als Spielzeug eines Milliardärs.

Sondern als Mitgliederverein.

Damit wurde aus Protest ein Gegenmodell.

Der Fan wurde nicht mehr zum Kunden erklärt.

Der Fan wurde zum Eigentümer.

FC United ist deshalb ein besonders gutes Beispiel dafür, wie weit Fanpolitik gehen kann.

Man kann einen Verein nicht nur kritisieren.

Man kann versuchen, Fußball anders zu organisieren.


Hellas Verona: Wenn die Kurve nach rechts kippt


Wer über die politische Geschichte von Fußballfans spricht, landet irgendwann in Verona.

Und dort wird die Geschichte unangenehm.

Denn Hellas Verona zeigt, dass die Politisierung einer Kurve keineswegs automatisch bedeutet, dass sie für mehr Demokratie, Solidarität oder gesellschaftliche Offenheit steht.

Im Gegenteil.

Die Geschichte der Brigate Gialloblu gehört zu den deutlichsten Beispielen dafür, wie eine organisierte Fanszene nach rechts kippen kann.

Die Gruppe wurde 1971 gegründet.

Interessant ist gerade der Anfang.

Die Brigate verstanden sich zunächst nicht als politische Gruppe. Die Gründer wollten eine eigene Fankultur aufbauen und sich von anderen italienischen Kurven abgrenzen. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Identität stand zunächst im Vordergrund.

Und dann veränderte sich die Kurve.

Die 1970er-Jahre waren in Italien politisch hochgradig aufgeladen. Rechte und linke Gruppen kämpften auf den Straßen um Einfluss. Gewalt und politische Radikalisierung prägten eine ganze Generation.

Diese Auseinandersetzungen machten auch vor den Stadien nicht Halt.

In Verona existierten zunächst unterschiedliche politische Strömungen nebeneinander. Doch innerhalb der Kurve verschoben sich die Kräfte.

Die rechten Gruppen gewannen die Oberhand.

Aus der anfänglichen Fankultur wurde eine politische Identität.

Und aus politischer Identität wurde Abgrenzung.

Rassistische Vorfälle wurden Teil der Geschichte der Kurve. 1982/83 wurden beim Spiel gegen Cagliari Bananen auf den peruanischen Spieler Julio César Uribe geworfen. 1996 kam es beim Derby gegen Chievo zu einem besonders drastischen rassistischen Vorfall rund um den niederländischen Spieler Maickel Ferrier.

Hellas Verona zeigt deshalb die dunkle Seite derselben Entwicklung, die bei anderen Vereinen zu Antirassismus und Selbstorganisation geführt hat.

Die Kurve gibt Menschen Macht.

Aber:

Macht hat keine politische Richtung.

Man kann sie gegen einen Investor einsetzen.

Man kann sie gegen Rassismus einsetzen.

Man kann sie aber auch gegen Menschen einsetzen, die als „anders“ definiert werden.

Und genau deshalb ist die Geschichte von Verona so wichtig.

Sie zeigt, dass die Frage nicht lautet, ob eine Kurve politisch wird.

Sondern:

Welche Politik setzt sich in ihr durch?


Wiener Sport-Club: Politik ohne Parteifahne


Ein paar hundert Kilometer weiter östlich sieht dieselbe Geschichte vollkommen anders aus.

Dornbach.

Wien.

Wiener Sport-Club.

Die Friedhofstribüne.

Hier braucht es keine riesige Ultra-Inszenierung, um zu verstehen, dass Fußball politisch sein kann.

Der WSC ist gerade deshalb interessant, weil seine Fankultur nicht dem klassischen Ultra-Klischee entspricht.

Keine permanenten Fahnenmeere.

Keine martialische Selbstdarstellung.

Keine politische Gleichschaltung.

Stattdessen Gesänge, Schlüsselbundklirren, Konfetti, Gespräche – und eine bemerkenswert starke Verbindung zwischen Verein, Fans und Umgebung.

Der Wiener Sport-Club positioniert sich ausdrücklich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Aber diese Haltung ist nicht einfach irgendwann auf die Tribüne geschrieben worden.

Sie ist gewachsen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte sich rund um den Sport-Club eine kleine Fanszene. Die Fans beobachteten damals auch, wie sich andere österreichische Fankulturen entwickelten – inklusive des Erstarkens rechter Skinhead-Gruppen.

Gleichzeitig entstand ein anderes Selbstverständnis:

Fan sein heißt nicht, einfach zuzuschauen.

Man kann selbst ein Fanzine machen.

Man kann Kritik am Vorstand formulieren.

Man kann sich organisieren.

Man kann Auswärtsfahrten organisieren.

Man kann Geld für den Verein sammeln.

Man kann sich einmischen.

Und genau das geschah in Dornbach.


Das Fanzine als erstes Stück Medienmacht


Heute kann jeder Fan innerhalb weniger Sekunden seine Meinung veröffentlichen.

Damals nicht.

Kein Instagram.

Kein YouTube.

Kein Podcast.

Kein Facebook.

Wenn die Vereinsführung etwas beschloss, gab es für Fans nur wenige Möglichkeiten, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Ein Fanzine war deshalb mehr als ein Heft.

Es war ein Stück Medienmacht.

Die Fans schrieben selbst.

Und sie kritisierten ihren eigenen Verein.

Unter anderem engagierten sie sich gegen eine mögliche Fusion mit Rapid. In der Rückschau des WSC wird diese Episode als Beispiel dafür beschrieben, wie sich Fans gegen eine Entscheidung der Vereinsführung stellten.

Das ist eine andere Form von Fanpolitik als in Verona.

Nicht:

Wir bestimmen, wer zu uns gehört.

Sondern:

Wir mischen uns ein, weil das unser Verein ist.


Und irgendwann wird aus Fanpolitik Vereinspolitik


Beim Wiener Sport-Club blieb es nicht bei Protest.

Fans sammelten Geld.

Sie organisierten Veranstaltungen.

Sie unterstützten den Verein in schwierigen Zeiten.

Sie bauten eigene Strukturen auf.

Sie hielten den Kontakt zum Verein.

Und sie entwickelten eine Fankultur, die sich bewusst gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie stellte.

Das ist eine Form von Politik, die im Fußball oft unterschätzt wird.

Politik muss nicht immer gegen jemanden gerichtet sein.

Manchmal bedeutet Politik:

einen Verein am Leben zu halten.

Einen Ort zu bewahren.

Eine Gemeinschaft aufzubauen.

Geld aufzutreiben.

Eine andere Fankultur vorzuleben.

Und Grenzen zu setzen.


Celtic: Wenn Geschichte Politik in die Kurve trägt


Bei Celtic Glasgow funktioniert politische Identität wiederum anders.

Hier entsteht sie nicht primär aus einem aktuellen Streit mit dem Verein.

Sie kommt aus der Geschichte.

Celtic wurde 1887 von irischen Einwanderern beziehungsweise deren Umfeld gegründet. Die irische Identität blieb über Generationen Teil der Vereinsgeschichte.

Und diese Geschichte ist politisch.

Die Green Brigade, eine der bekanntesten aktiven Fangruppen, versteht sich ausdrücklich als antifaschistisch und links.

Ihre politische Arbeit reicht über den Fußball hinaus. Sie engagiert sich für soziale und internationale Themen und trägt diese Themen ins Stadion.

Besonders sichtbar wurde das in der Unterstützung für Palästina.

Man kann über einzelne politische Positionen, Symbole und Aktionen streiten.

Aber die historische Logik ist entscheidend:

Die Politik wurde nicht einfach auf die Kurve gesetzt.

Sie ist aus der Geschichte der Gemeinschaft in die Kurve gewandert.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Bei Celtic bedeutet ein politisches Transparent für viele Fans nicht:

„Heute machen wir Politik.“

Es bedeutet:

„Das gehört zu unserer Geschichte.“


Rapid: Wem gehört der Verein?


Und dann sind wir in Wien.

Hütteldorf.

Rapid.

Die Geschichte Rapids beginnt beim 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club. Der Verein entstand Ende des 19. Jahrhunderts aus einem sozialen Milieu, das Rapid bis heute in seine Identität einschreibt.

Aber die heutige politische Bedeutung der Rapid-Fankultur ist nicht einfach eine Fortsetzung dieser Geschichte.

Sie entsteht vor allem aus der enormen Bedeutung der organisierten Kurve.

Der Block West ist nicht bloß eine Tribüne.

Er ist eine Institution innerhalb der Institution.

Dort werden Choreografien organisiert.

Dort entstehen Gesänge.

Dort werden Proteste vorbereitet.

Dort werden Forderungen an den Verein formuliert.

Und deshalb geht es bei Konflikten zwischen Rapid und der aktiven Fanszene selten nur um eine einzelne Fahne oder eine einzelne Pyrofackel.

Es geht um eine grundsätzliche Frage:

Wer ist Rapid?

Der Präsident?

Der Geschäftsführer?

Die Mannschaft?

Die Mitglieder?

Oder die Kurve?

Diese Frage ist für moderne Fußballvereine von enormer Bedeutung.

Denn Rapid braucht seine Fans.

Aber der Verein kann nicht jede Entscheidung an die Kurve delegieren.

Und die Kurve wiederum akzeptiert nicht jede Entscheidung des Vereins.

Genau zwischen diesen beiden Ansprüchen entsteht Macht.


Wenn der Staat ins Stadion kommt


Eine der härtesten Auseinandersetzungen betrifft deshalb die Polizei.

Für viele Fans ist sie nicht einfach eine Sicherheitsorganisation.

Sie ist das Symbol einer anderen Macht.

Des Staates.

Für Kontrolle.

Für Verbote.

Für Überwachung.

Für Stadionverbote.

Für Videoüberwachung.

Für Identitätskontrollen.

Die Polizei wiederum argumentiert mit Sicherheit.

Mit Gewaltprävention.

Mit dem Schutz anderer Zuschauer.

Mit der Verantwortung für einen geordneten Spielbetrieb.

Beide Seiten sprechen also über dasselbe Stadion – aber aus vollkommen unterschiedlichen Perspektiven.

Und deshalb eskalieren diese Konflikte so schnell.

Für einen Fan kann eine verstärkte Kontrolle bedeuten:

Der Staat behandelt mich wie einen Verdächtigen.

Für die Polizei kann dieselbe Maßnahme bedeuten:

Wir versuchen, Gewalt zu verhindern.

Dazwischen liegt ein Konflikt, der sich nicht mit einem Transparent lösen lässt.


Die Kommerzialisierung: Der Kunde gegen den Fan


Es gibt aber noch eine zweite große politische Front.

Sie liegt nicht hinter dem Stadionzaun.

Sie liegt auf der VIP-Tribüne.

Der moderne Fußball ist ein Milliardenbusiness.

Fernsehrechte.

Sponsoren.

Investoren.

Merchandising.

Hospitality.

Internationale Vermarktung.

Für Vereine bedeutet das Wachstum.

Für viele Fans bedeutet es Entfremdung.

Denn irgendwann stellt sich eine ziemlich grundsätzliche Frage:

Bin ich noch Teil dieses Vereins – oder bin ich Kunde?

Das ist die vielleicht wichtigste politische Frage der modernen Fankultur.

Denn ein Stehplatz ist etwas anderes als eine Hospitality-Box.

Ein Mitgliederverein ist etwas anderes als ein Investmentvehikel.

Ein Samstag um 15.30 Uhr ist etwas anderes als ein Montagabend um 21 Uhr.

Und ein Stadion, in dem seit Jahrzehnten dieselben Menschen stehen, ist etwas anderes als eine Eventarena, die sich an zahlungskräftige Besucher richtet.

Deshalb kämpfen Ultras gegen Montagsspiele.

Gegen hohe Ticketpreise.

Gegen personalisierte Tickets.

Gegen immer mehr VIP-Bereiche.

Gegen Investoren.

Gegen die Umwandlung von Fußball in ein reines Unterhaltungsprodukt.

Der Begriff dafür lautet oft:

Modern Football.

Was wie Nostalgie klingt, ist bei genauerem Hinsehen eine soziale Frage:

Wer soll sich Fußball leisten können?

Und:

Wer soll über ihn bestimmen?


Das Stadion ist ein politischer Ort


Vielleicht ist genau das der Grund, warum Fußballkurven immer wieder politisch werden.

Ein Stadion ist einer der letzten Orte, an denen Menschen aus völlig unterschiedlichen sozialen Schichten regelmäßig zusammenkommen.

Der Lehrling steht neben dem Akademiker.

Die Ärztin neben dem Installateur.

Der Student neben dem Pensionisten.

Der Unternehmer neben dem Arbeitslosen.

Alle stehen auf derselben Tribüne.

Alle sehen dasselbe Spiel.

Und für 90 Minuten entsteht zumindest die Illusion einer Gemeinschaft.

Aber genau diese Gemeinschaft wird zunehmend kommerzialisiert.

Deshalb geht es beim Kampf um Stehplätze, Ticketpreise oder Stadionumbauten nie nur um Komfort.

Es geht um Zugang.

Um Teilhabe.

Um Eigentum.

Und um die Frage:

Wem soll das Stadion gehören?


Und dann kommt die unangenehme Frage


Was passiert, wenn die Kurve selbst Macht missbraucht?

Diese Frage wurde im Fußball lange verdrängt.

Denn die Ultra-Erzählung funktioniert besonders gut, wenn die Rollen klar sind:

Hier die Fans.

Dort der Verein.

Hier die Selbstbestimmung.

Dort die Kontrolle.

Hier die Kurve.

Dort die Polizei.

Doch die Realität ist komplizierter.

Auch innerhalb von Fangruppen gibt es Machtmissbrauch, Gewalt, Einschüchterung, sexualisierte Gewalt und toxische Männlichkeitsbilder.

Das wurde 2026 ausgerechnet bei einem Verein besonders deutlich, der weltweit als Symbol einer progressiven Fankultur gilt:

St. Pauli.

Die führende aktive Fangruppe Ultrà Sankt Pauli machte öffentlich, dass es innerhalb der eigenen Strukturen Fälle sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt sowie Machtmissbrauch gegeben hatte.

Die Gruppe benannte selbst Machtunterschiede, problematische Männlichkeitsbilder und Leistungsdruck als strukturelle Probleme.

Das war deshalb so bemerkenswert, weil eine Fangruppe etwas tat, was Fankulturen selten tun:

Sie richtete den Blick nicht auf den Gegner, den Verein oder die Polizei – sondern auf sich selbst.

Und plötzlich stand eine unangenehme Frage im Raum:

Wenn eine Kurve Freiheit und Selbstbestimmung fordert –

wie frei sind dann eigentlich diejenigen innerhalb der Kurve?


Die Kurve ist keine Demokratie


Zumindest nicht automatisch.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis.

Eine Ultra-Gruppe kann für demokratische Werte eintreten und selbst hierarchisch organisiert sein.

Sie kann gegen Rassismus kämpfen und innerhalb ihrer eigenen Gruppe Machtmissbrauch nicht verhindern.

Sie kann gegen Polizeigewalt protestieren und selbst Gewalt anwenden.

Sie kann gegen Kommerzialisierung kämpfen und gleichzeitig über enorme finanzielle Mittel verfügen.

Sie kann Gleichheit fordern und trotzdem Menschen mit weniger Einfluss an den Rand drängen.

Denn die Kurve ist kein Parlament.

Sie wird nicht gewählt.

Ihre Führungsfiguren erhalten ihre Legitimation nicht durch eine Wahl.

Sondern durch Loyalität, Erfahrung, Engagement und die Fähigkeit, Menschen zu mobilisieren.

Das macht sie stark.

Aber genau darin liegt auch ihre Gefahr.


Verona und Dornbach erzählen dieselbe Geschichte


Hellas Verona und der Wiener Sport-Club könnten politisch kaum unterschiedlicher sein.

Hier eine Kurve, in der sich Teile der organisierten Fanszene über Jahrzehnte nach rechts entwickelten.

Dort eine Fankultur, die sich ausdrücklich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie positioniert.

Hier politische Identität als Abgrenzung.

Dort politische Identität als Öffnung.

Aber beide Geschichten zeigen dasselbe:

Die Kurve ist niemals einfach nur Kulisse.

Sie produziert ihre eigenen Regeln.

Ihre eigenen Werte.

Ihre eigenen Feindbilder.

Ihre eigenen Solidaritäten.

Und damit produziert sie Politik.


Vielleicht ist „unpolitisch“ deshalb der falsche Begriff


Eine Kurve kann parteipolitisch neutral sein.

Aber gesellschaftlich neutral?

Das ist nahezu unmöglich.

Denn schon die Entscheidung,

wer neben dir stehen darf,

ist eine gesellschaftliche Entscheidung.

Schon die Entscheidung,

ob du einen rassistischen Spruch ignorierst,

ist eine gesellschaftliche Entscheidung.

Schon die Entscheidung,

ob dein Stadion nach einem Sponsor benannt werden darf,

ist eine wirtschaftspolitische Entscheidung.

Schon die Entscheidung,

ob ein Verein seinen Stadtteil verlassen darf,

ist eine stadtpolitische Entscheidung.

Und schon die Entscheidung,

wer innerhalb der Gruppe Macht besitzt,

ist eine politische Entscheidung.


Politik beginnt dort, wo Menschen Macht organisieren


Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte der Ultras.

Nicht die Pyrotechnik.

Nicht die Choreografien.

Nicht die Gesänge.

Nicht einmal die Rivalitäten.

Sondern der Moment, in dem Menschen auf einer Tribüne begreifen:

Gemeinsam sind wir nicht nur Publikum.

Wir können etwas verändern.

Wir können einen Vorstand unter Druck setzen.

Wir können einen Investor stoppen.

Wir können einen Verein neu gründen.

Wir können ein Stadion bauen.

Wir können für einen Stadtteil kämpfen.

Wir können eine gesellschaftliche Botschaft in ein Stadion tragen.

Wir können uns gegen Rassismus stellen.

Wir können aber auch unsere eigene Macht missbrauchen.

Und genau deshalb ist die Kurve politisch.

Nicht, weil dort ständig über Parteien gesprochen wird.

Sondern weil dort dieselben Fragen verhandelt werden wie außerhalb des Stadions:

Wer hat Macht?

Wer darf entscheiden?

Wem gehört etwas?

Wer gehört dazu?

Wer wird gehört?

Und wer bleibt draußen?


DIE KURVE

Teil 1 – https://www.zwischen-den-linien.at/post/die-kurve-teil-1Das Lied, das den Fans gehört

Wie aus einem Lied von Gert Steinbäcker ein Sturm-Ritual wurde.


Warum Hütteldorf mehr ist als die Adresse eines Stadions.


Was passiert, wenn sich die Welt rund um einen Fußballverein verändert.


Teil 4 – Warum Ultras Politik machen

Wie aus Fankultur Selbstorganisation, Protest und Macht entstanden.


Bisher haben wir die Kurve von außen betrachtet.

Ihre Lieder.

Ihre Städte.

Ihre Geschichte.

Ihre politischen Kämpfe.

Aber irgendwann muss man aufhören, über die Kurve zu schreiben – und mit ihr einen Tag verbringen.

Vom ersten Kaffee am Vormittag.

Zum Treffpunkt.

Zur gemeinsamen Fahrt.

Zum ersten Bier.

Zu den Gesprächen.

Zur Choreografie.

Zu den ersten Gesängen.

Zu den 90 Minuten.

Und schließlich zu jenem Moment, in dem die Spieler längst in der Kabine verschwunden sind, die meisten Zuschauer nach Hause gehen und irgendwo hinter der Tribüne die letzte Fahne zusammengelegt wird.

Denn für einen normalen Zuschauer endet ein Spiel mit dem Schlusspfiff.

Für die Kurve beginnt dort oft schon der nächste Spieltag.

Teil 5: Ein Spiel dauert 90 Minuten. Die Kurve lebt sieben Tage.

 
 
 

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