DIE KURVE – Teil 3
Die letzten Arbeiter

Ein Fußballverein kann seine Geschichte behalten. Aber was passiert, wenn die Stadt, aus der diese Geschichte stammt, sich verändert? In London, Berlin, Madrid und Hamburg kämpfen Fans nicht einfach um Vergangenheit. Sie kämpfen um die Frage, was von einem Verein übrig bleibt, wenn sein Umfeld ein anderes wird.
Es gibt einen Moment, in dem eine Stadt ihre eigene Vergangenheit nicht mehr erkennt.
Die alten Fabriken sind verschwunden.
Die Werften sind still.
Die Arbeiterwohnungen werden zu Eigentumswohnungen.
Aus dem Pub wird eine Cocktailbar.
Aus dem Eckgeschäft ein Concept Store.
Aus dem Viertel, in dem Menschen geboren wurden, gearbeitet haben und gestorben sind, wird ein Ort, an dem andere Menschen gerne wohnen möchten.
Die Stadt wird schöner.
Sauberer.
Teurer.
Und irgendwann steht jemand vor dem Stadion und fragt:
Wo sind eigentlich alle hin?
Vielleicht ist das eine der großen Geschichten des modernen Fußballs.
Nicht die Geschichte davon, dass der Fußball einmal den Arbeitern gehörte – das haben wir bereits erzählt.
Sondern die Geschichte dessen, was passiert, nachdem die Arbeiter verschwunden sind.
Oder genauer:
Nachdem sich ihr Leben verändert hat.
Der Fußball bleibt länger als das Milieu
Das ist das Paradoxe.
Ein Fußballverein kann Jahrzehnte überleben, nachdem die Welt, in der er entstanden ist, längst verschwunden ist.
Der Name bleibt.
Das Wappen bleibt.
Die Farben bleiben.
Die Lieder bleiben.
Die Geschichten bleiben.
Aber rundherum verändert sich alles.
Das macht Fußballvereine zu etwas Besonderem.
Sie sind manchmal Zeitkapseln in Städten, die keine Zeitkapseln sein wollen.
Und genau deshalb sind Fanszenen so empfindlich, wenn sich ihr Umfeld verändert.
Sie verteidigen nicht nur einen Fußballverein.
Sie verteidigen eine Vorstellung davon, wie dieser Ort einmal war.
London: Wenn der Verein umzieht, aber die Erinnerung zurückbleibt
Man muss dafür nur nach East London schauen.
West Ham United ist dafür eines der eindrucksvollsten Beispiele.
Der alte Boleyn Ground in Upton Park war mehr als ein Stadion.
Er war ein Stadtteil-Fußballplatz.
Die Umgebung gehörte zum Erlebnis.
Pub.
Pie and mash.
Freunde.
Straßen.
Menschen, die seit Jahrzehnten dieselben Wege gingen.
Dann kam 2016.
West Ham zog vom Boleyn Ground in das London Stadium in Stratford.
Drei Meilen.
Auf der Landkarte ist das nicht viel.
Für eine Fanszene können drei Meilen eine Welt sein.
Der alte Platz war eng, vertraut, verwachsen mit seiner Umgebung.
Das neue Stadion war groß.
Modern.
Olympisch.
Und plötzlich musste sich ein Verein, der seine Identität über Jahrzehnte aus einem bestimmten Stück East London bezogen hatte, erklären, warum er jetzt woanders zuhause sein sollte.
Schon damals beschrieben Fans den Umzug als Verlust ihrer Identität. Der Guardian berichtete von Anhängern, die das neue Stadion als „soulless“ empfanden und den Abschied vom Boleyn Ground als schmerzhafte Entwurzelung erlebten.
Das Interessante daran:
Der Verein war nicht verschwunden.
West Ham war noch immer West Ham.
Die Spieler trugen dieselben Farben.
Die Fans sangen dieselben Lieder.
Das Wappen war dasselbe.
Aber der Ort stimmte nicht mehr.
Was ist ein Heimspiel?
Das ist eine Frage, über die man im modernen Fußball erstaunlich selten spricht.
Ein Heimspiel bedeutet normalerweise:
90 Minuten im eigenen Stadion.
Aber für viele Fans bedeutet es mehr.
Es bedeutet:
Den gleichen Weg.
Den gleichen Eingang.
Den gleichen Pub.
Den gleichen Sitzplatz.
Den gleichen Verkäufer vor dem Stadion.
Den gleichen Blick auf die Tribüne.
Den gleichen Mann zwei Reihen weiter, der seit 25 Jahren bei jedem Spiel dasselbe ruft.
Heimat entsteht durch Wiederholung.
Und Fußball besteht aus Wiederholungen.
Jeden zweiten Samstag.
Immer wieder.
Deshalb kann ein Stadionwechsel etwas zerstören, das in keiner Stadionbroschüre steht:
Ritual.
West Ham bekam ein größeres Stadion.
Aber manche Fans hatten das Gefühl, ein kleineres Zuhause verloren zu haben.
Das Problem ist nicht nur der Fußball
Und hier wird die Geschichte größer.
Denn die Veränderung von East London hat nicht erst mit West Ham begonnen.
London ist eine Stadt, die sich ständig neu erfindet.
Immobilienpreise.
Neue Büros.
Neue Wohnviertel.
Neue Einkaufszentren.
Neue Bewohner.
Neue Geschäfte.
Neue Lebensstile.
Das ist kein Problem, das nur Fußballfans betrifft.
Aber Fußball macht es sichtbar.
Denn der Verein bleibt als Erinnerung an das alte Viertel bestehen.
Er wird zum lebenden Beweis dafür, dass es diese andere Stadt einmal gab.
Und genau deshalb ist die Frage der Fans manchmal gar nicht:
„Warum ist unser Verein so kommerziell geworden?“
Sondern:
„Warum ist unsere Stadt nicht mehr unsere Stadt?“
2026 ist West Ham wieder im Unterhaus
Und damit bekommt diese Geschichte sogar eine neue Wendung.
West Ham spielt in der Saison 2026/27 nicht mehr in der Premier League, sondern in der Championship. Der Abstieg verändert die sportliche Situation massiv – aber nicht das grundlegende Identitätsproblem.
Der Verein ist weiterhin ein international vermarkteter Klub.
Das Stadion ist weiterhin riesig.
Die Stadt ist weiterhin im Wandel.
Und die Kurve muss weiterhin beantworten, was eigentlich „West Ham“ bedeutet.
Erst recht, weil die Fanbasis selbst nicht mehr dieselbe ist.
Der Klub hat heute ein deutlich breiteres und internationaleres Publikum. Gleichzeitig bleibt die Geschichte vom East End ein zentraler Bestandteil der eigenen Identität.
Und genau darin steckt ein Widerspruch.
Wie viel Vergangenheit darf ein moderner Fußballverein verkaufen, ohne seine Vergangenheit zu verlieren?
Berlin: Der Verein, der sein Stadion selbst gebaut hat
Dann fahren wir nach Berlin.
Nicht nach Charlottenburg.
Nicht ins Olympiastadion.
Sondern nach Köpenick.
Zur Alten Försterei.
Und plötzlich sieht die Geschichte ganz anders aus.
Denn wenn West Ham die Erfahrung gemacht hat, dass ein neues Stadion ein Stück Identität zerstören kann, erzählt Union Berlin beinahe die gegenteilige Geschichte:
Hier haben die Fans ihr Stadion selbst mitgebaut.
Zwischen 2008 und 2009 leisteten mehr als 2.300 freiwillige Helfer rund 140.000 Arbeitsstunden beim Umbau der Alten Försterei.
Das ist nicht nur eine hübsche Vereinsgeschichte.
Es verändert die Beziehung zum Gebäude.
Wer eine Tribüne selbst gebaut hat, sieht darin nicht einfach Beton.
Er sieht seine Arbeit.
Seine Zeit.
Seine Freunde.
Seine Geschichte.
Das Stadion wird dadurch fast buchstäblich Eigentum der Erinnerung.
Und Union geht noch weiter.
Mitglieder und Sponsoren konnten sich über die Stadionaktien an der Stadiongesellschaft beteiligen; inzwischen ist das Stadiongrundstück selbst im Eigentum des Vereins. Der Klub beschreibt die Alte Försterei entsprechend nicht nur als Spielstätte, sondern als Ort, der von seiner Gemeinschaft geprägt wurde.
Das ist ein anderer Umgang mit Veränderung
Union ist längst kein kleiner Ostberliner Geheimtipp mehr.
Der Verein spielte Bundesliga.
Er spielte Champions League.
Die Mitgliederzahl ist massiv gewachsen.
Das Stadion soll weiter ausgebaut werden.
Und trotzdem versucht Union, etwas zu bewahren:
den Charakter des Ortes.
Das ist schwieriger, als es klingt.
Denn Erfolg verändert Vereine.
Mehr Erfolg bedeutet mehr Zuschauer.
Mehr Zuschauer bedeuten mehr Geld.
Mehr Geld bedeutet mehr Infrastruktur.
Mehr Infrastruktur bedeutet größere Stadien.
Und irgendwann stellt sich dieselbe Frage wie überall:
Wie groß kann ein Verein werden, ohne dass er sich selbst fremd wird?
Bei Union ist diese Frage besonders sichtbar.
Denn die Alte Försterei ist heute gerade deshalb so wertvoll, weil sie nicht wie ein beliebiges modernes Stadion wirkt.
Sie ist fast ein Gegenmodell zum Stadion als Eventlocation.
Und dann kommt die Erweiterung
Auch Union kann sich der Realität nicht entziehen.
Das Stadion soll wachsen.
Der Klub plant langfristig eine Kapazität von 37.500 Plätzen; zugleich soll der Charakter mit einem sehr hohen Stehplatzanteil erhalten bleiben. 2025 wurde nach Gesprächen mit Fanvertretern ausdrücklich festgehalten, dass die Waldseite Stehplatzbereich bleiben soll.
Das ist interessant.
Denn hier lautet die Frage nicht:
Veränderung oder keine Veränderung?
Sondern:
Welche Veränderung akzeptieren wir?
Eine Fanszene kann gegen ein größeres Stadion sein.
Sie kann aber auch sagen:
Wir müssen wachsen.
Nur eben nicht um jeden Preis.
Das ist vielleicht die erwachsenste Form von Fankultur.
Nicht:
Alles soll bleiben, wie es war.
Sondern:
Wir entscheiden selbst, was sich verändern darf.
Madrid: Ein Viertel, das sich nicht vertreiben lassen will
Dann geht es nach Madrid.
Nach Vallecas.
Zu Rayo Vallecano.
Hier ist die Geschichte noch unmittelbarer.
Denn Vallecas ist nicht einfach die Adresse eines Fußballvereins.
Der Stadtteil selbst ist Teil der Identität des Klubs.
Rayo trägt den Namen dieses Viertels in die Welt.
Und die Fans tragen das Viertel ins Stadion.
Die Verbindung zwischen Verein und Barrio ist so stark, dass die Frage nach einem anderen Stadion für viele Fans fast wie eine Frage nach der eigenen Identität wirkt.
2025 wurde genau darüber heftig gestritten. Der damalige Rayo-Präsident Raúl Martín Presa befürwortete einen möglichen Stadionwechsel; Fans und andere im Klubumfeld sahen darin eine Gefahr für die Verbindung zwischen Verein und Vallecas.
Das ist mehr als eine Immobilienfrage.
Denn wenn Rayo Vallecas verlässt, verliert der Klub nicht nur einen Standort.
Er verliert möglicherweise einen Teil dessen, was ihn von anderen Vereinen unterscheidet.
Der Barrio ist die Kurve
Rayo ist deshalb ein besonders schönes Gegenstück zu West Ham.
Bei West Ham wurde der Verein aus seinem historischen Umfeld herausgelöst.
Bei Rayo kämpfen die Fans darum, dass genau das nicht passiert.
Der Fußballplatz ist Teil des Viertels.
Die Straßen rundherum sind Teil der Geschichte.
Die Identität des Klubs entsteht nicht nur im Stadion.
Sie entsteht draußen.
Auf Plätzen.
In Bars.
Auf den Straßen.
In den Gesprächen.
In der politischen Kultur.
In dem Gefühl:
Wir sind Vallecas.
Dass diese Verbindung bis heute so stark ist, zeigte sich auch 2026, als Rayo eine außergewöhnliche Europapokal-Saison mit dem Einzug ins Conference-League-Finale krönte. Der Lauf wurde nicht nur als sportliche Geschichte erzählt, sondern ausdrücklich als Geschichte eines Vereins, der seine Stärke aus dem Barrio und seiner Gemeinschaft zieht.
Das ist vielleicht das schönste Gegenmodell zur modernen Fußballlogik.
Nicht:
Wie groß können wir werden?
Sondern:
Wie viel von uns können wir bleiben?
Hamburg: Wenn aus Gegenkultur eine Marke wird
Und dann St. Pauli.
Eigentlich der schwierigste Fall.
Denn St. Pauli hat etwas geschafft, wovon andere Vereine träumen:
Der Verein wurde zur globalen Marke.
Totenkopf.
Millerntor.
Antifaschismus.
Punk.
Hafen.
Kiez.
Braun und Weiß.
St. Pauli ist längst international bekannt.
Menschen tragen das Totenkopf-Shirt, die noch nie am Millerntor waren.
Und genau darin steckt ein erstaunliches Paradox.
Was passiert, wenn eine Gegenkultur erfolgreich wird?
Wenn plötzlich Millionen Menschen etwas cool finden, das ursprünglich gerade deshalb interessant war, weil es sich gegen den Mainstream stellte?
Der Totenkopf wird zum T-Shirt
Das ist keine Kritik an St. Pauli.
Es ist eine interessante historische Entwicklung.
Denn die besondere Identität des Vereins entstand nicht einfach dadurch, dass irgendwann jemand beschloss, „alternativ“ zu sein.
Sie entwickelte sich aus dem Umfeld des Stadtteils, aus politischen Bewegungen, aus der Hafenstraße, aus Hausbesetzungen und einer Fankultur, die sich bewusst gegen traditionelle Fußballkultur stellte.
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wie sich in den 1980er-Jahren rund um die besetzten Häuser der Hafenstraße eine alternative Fanszene entwickelte und wie das rebellische Image später selbst erfolgreich vermarktet wurde.
Das ist die vielleicht verrückteste Transformation dieser ganzen Geschichte.
Der Protest wurde zum Produkt.
Aber kann eine Haltung kommerziell sein?
Das ist die unangenehme Frage.
Ein Verein kann heute T-Shirts mit politischen Botschaften verkaufen.
Er kann gegen Rassismus auftreten.
Er kann Regenbogenfahnen zeigen.
Er kann gesellschaftspolitische Kampagnen machen.
Und gleichzeitig Millionenumsätze erzielen.
Ist das ein Widerspruch?
Nicht unbedingt.
Aber es ist eine Spannung.
Denn eine Fanszene ist nicht automatisch authentisch, nur weil sie „gegen den Mainstream“ ist.
Und ein Verein ist nicht automatisch unecht, nur weil er erfolgreich ist.
Die interessantere Frage lautet:
Wer bestimmt die Bedeutung?
Der Verein?
Die Fans?
Die Marke?
Oder die Menschen, die das Shirt tragen?
Vier Vereine. Vier Antworten.
West Ham sagt:
Wir haben unseren Ort verloren – und versuchen, unsere Geschichte mitzunehmen.
Union sagt:
Wir verändern unseren Ort selbst, damit er uns weiter gehört.
Rayo sagt:
Unser Ort ist Teil unserer Identität – wir wollen ihn nicht verlieren.
St. Pauli sagt:
Unsere Haltung ist so stark geworden, dass sogar der Mainstream sie kaufen möchte.
Und plötzlich wird aus vier Fußballvereinen eine ziemlich gute Geschichte über unsere Städte.
Denn Fußball ist ein Seismograf
Vielleicht spürt man gesellschaftliche Veränderungen im Fußball früher als anderswo.
Wenn ein Viertel teurer wird, verändert sich das Stadion.
Wenn ein Viertel internationaler wird, verändert sich die Kurve.
Wenn Immobilienpreise steigen, verschwinden alte Fans.
Wenn neue Menschen kommen, kommen auch neue Fans.
Wenn ein Stadion umzieht, verschiebt sich die Identität.
Wenn ein Verein erfolgreich wird, verändert sich sein Publikum.
Der Fußball reagiert darauf.
Nicht immer bewusst.
Aber sichtbar.
Deshalb sind Fußballvereine manchmal bessere Stadtgeschichtsbücher als offizielle Stadtgeschichten.
Man kann Gentrifizierung auf einer Tribüne sehen
Nicht unbedingt an den einzelnen Menschen.
Das wäre zu einfach.
Aber an den Ritualen.
An den Preisen.
An den Wegen zum Stadion.
An den Geschäften rundherum.
An der Frage, ob es noch dieselben Kneipen gibt.
An der Frage, ob die alten Fans noch kommen.
An der Frage, ob man sich eine Dauerkarte leisten kann.
An der Frage, ob der Verein noch wie der eigene Verein klingt.
Das Entscheidende ist:
Eine Fanszene verändert sich immer.
Die romantische Vorstellung, dass früher alle „echten“ Fans Arbeiter waren und heute nur noch Eventpublikum kommt, ist genauso falsch wie die Vorstellung, dass jede Veränderung automatisch Fortschritt bedeutet.
Denn auch alte Fans sind nicht automatisch authentischer.
Und neue Fans sind nicht automatisch weniger wert.
Die eigentliche Frage ist:
Wer darf Teil der Geschichte werden?
Die Kurve entscheidet das jeden Samstag neu
Das bringt uns zurück nach Graz.
Und nach Wien.
Zu Sturm.
Zu Rapid.
Zu den Menschen, die „Steiermark“ mitsingen.
Zu denen, die in Hütteldorf seit Jahrzehnten denselben Platz haben.
Die Frage ist immer dieselbe:
Was macht aus einem Haufen Menschen eine Gemeinschaft?
Vielleicht nicht die Herkunft.
Nicht die soziale Klasse.
Nicht einmal die politische Haltung.
Sondern gemeinsame Erinnerung.
Der alte Mann und der neue Fan
Stell dir eine Kurve vor.
Neben einem 65-Jährigen steht ein 19-Jähriger.
Der Ältere war schon im alten Stadion.
Der Jüngere kennt es nur aus Fotos.
Der Ältere kennt alle alten Lieder.
Der Jüngere kennt die neuen.
Der Ältere erzählt, wie es früher war.
Der Jüngere bringt seine eigenen Geschichten mit.
Sie sind nicht gleich.
Sie müssen auch nicht gleich sein.
Aber wenn das Tor fällt, schreien beide.
Das ist die vielleicht wichtigste Funktion einer Fanszene:
Sie verbindet Generationen, die sonst kaum miteinander zu tun hätten.
Deshalb sind die „letzten Arbeiter“ gar nicht die letzten
Vielleicht ist der Titel dieses Textes deshalb ein bisschen gemein.
Denn die Arbeiter sind nicht verschwunden.
Sie stehen weiterhin in den Kurven.
Nur sehen sie anders aus.
Sie arbeiten nicht mehr unbedingt in der Werft.
Nicht mehr im Stahlwerk.
Nicht mehr in der Fabrik neben dem Stadion.
Sie sitzen vielleicht im Bus.
Arbeiten im Krankenhaus.
Liefern Pakete.
Programmieren Software.
Reparieren Maschinen.
Unterrichten Kinder.
Fahren Straßenbahnen.
Oder arbeiten in einem Büro.
Die soziale Welt des Fußballs hat sich verändert.
Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit ist geblieben.
Und vielleicht ist das die eigentliche Konstante.
Was bleibt?
Das ist die Frage, die über allen vier Vereinen hängt.
Was bleibt, wenn die Stadt sich verändert?
Bei West Ham bleibt das Wappen.
Aber auch die Erinnerung an Upton Park.
Bei Union bleibt die Alte Försterei – und die Geschichte jener Menschen, die sie selbst aufgebaut haben.
Bei Rayo bleibt Vallecas.
Und bei St. Pauli bleibt der Versuch, eine politische Haltung nicht vollständig zur bloßen Marketingbotschaft werden zu lassen.
Keiner dieser Vereine ist noch der Verein von vor 50 Jahren.
Das wäre auch unmöglich.
Aber vielleicht müssen sie das gar nicht sein.
Denn Identität bedeutet nicht, dass alles gleich bleibt.
Identität bedeutet:
Man erkennt sich trotz der Veränderung noch selbst.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe einer Kurve
Nicht die Vergangenheit zu konservieren.
Sondern sie mitzunehmen.
Ein Lied.
Eine Fahne.
Eine Geschichte.
Ein Stadion.
Ein Spruch.
Ein Name.
Ein Ritual.
Etwas, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.
Und jedes Mal ein bisschen verändert wird.
So wie „Steiermark“ in Graz.
Steinbäcker hat das Lied geschrieben.
Sturm hat es gespielt.
Die Kurve hat es übernommen.
Und irgendwann wurde aus einem Lied etwas, das keiner mehr vollständig kontrollieren kann.
Vielleicht funktioniert Fußball genau so.
Ein Verein ist kein Museum
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Reise.
West Ham kann nicht wieder Upton Park werden.
Union kann nicht ewig 22.000 Zuschauer haben.
Rayo kann nicht verhindern, dass Madrid wächst.
St. Pauli kann nicht dafür sorgen, dass niemand sein Totenkopf-Shirt außerhalb Hamburgs trägt.
Und Rapid kann Wien nicht zurückdrehen.
Fußballvereine sind keine Museen.
Sie verändern sich.
Ihre Städte verändern sich.
Ihre Fans verändern sich.
Ihre Spieler verändern sich.
Ihre Sprache verändert sich.
Aber irgendwo zwischen all diesen Veränderungen bleibt etwas.
Eine Kurve.
Ein Lied.
Ein Weg zum Stadion.
Ein Mensch, der sagt:
„Komm, wir gehen.“
Und der andere geht mit.
DIE KURVE – Teil 3
Die letzten Arbeiter
Nicht die Geschichte darüber, woher der Arbeiterfußball kam – die haben wir bereits erzählt.
Sondern die Geschichte darüber, was passiert, wenn die Welt rund um einen Verein verschwindet.
West Ham. Union Berlin. Rayo Vallecano. St. Pauli.
Vier Vereine.
Vier Städte.
Vier unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage:
Wie viel Veränderung verträgt eine Fußballidentität?
Bisher in DIE KURVE
Teil 1 – Das Lied, das den Fans gehört
Gert Steinbäcker, „Steiermark“ und die Sturm-Kurve. Ein Lied über Heimat – und der Moment, in dem tausende Fans daraus ihre eigene Geschichte machen.
→ https://www.zwischen-den-linien.at/post/die-kurve-teil-1Teil 1 lesen
Teil 2 – Wem gehört die Stadt?
Rapid, Hütteldorf und die Frage, warum ein Fußballverein für seine Anhänger manchmal mehr Heimat sein kann als der Ort, an dem sie leben.
→ https://www.zwischen-den-linien.at/post/die-kurve-teil-2Teil 2 lesen
Fortsetzung folgt.
Teil 4 – Warum Ultras Politik machen
Links. Rechts. Antifaschismus. Nationalismus. Solidarität. Macht.
Warum Fußballkurven fast zwangsläufig politisch werden – und warum die einfache Einteilung in „links“ und „rechts“ dabei oft viel zu kurz greift.



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